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Schalke 04 - ein „Naziverein“?

Widerstand gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur sucht man beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), den anderen „bürgerlichen“ Sportverbänden und ihren Vereinen zumeist vergeblich.

Der Zerschlagung des sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitersports schaut man ebenso tatenlos zu wie der späteren Auflösung des konfessionellen Sports. Die meisten Vereine passen sich freiwillig an, lassen sich „gleichschalten“, „säubern“ ihre Vereine von unliebsam gewordenen jüdischen Mitgliedern, bis die Klubs am Ende nach drei Einheitssatzungen als Teil des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen zugleich Teil der NS-Parteiorganisation geworden sind. Der FC Schalke 04 bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

Im Juni 1933 übernimmt Schalke die einen Monat zuvor beschlossenen Anweisungen des WSV. Es gibt nun keinen Vorstand mehr, sondern einen Vereinsführer. Dieser wird der Ehrenvorsitzende Unkel, sein Stellvertreter ist Heinrich Tschenscher, NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933. Der bisherige 2. Vorsitzende, der jüdische Zahnarzt Dr. Paul Eichengrün, war schon im April freiwillig zurückgetreten. In den folgenden Jahren verlassen weitere jüdische Mitglieder den Verein.

Der FC Schalke 04 passt mit seinem Image als "Arbeiterverein" perfekt in die NS-Ideologie. Aufgrund der Erfolge ergeben sich zahlreiche Instrumentalisierungsmöglichkeiten durch das Regime, dem sich der Verein auch nicht entzieht bzw. entziehen kann. Das macht ihn aber nicht zu einem "Nazi-Verein", sondern nur zu einem besonders prominenten Beispiel dafür, wie angepasst und kritiklos sich die meisten Fußballvereine im Nationalsozialismus verhalten haben.

Die prominentesten NSDAP-Mitglieder - beide seit dem 1. Mai 1937 - sind ohne Zweifel Ernst Kuzorra und Fritz Szepan. Sie lassen sich auch für direkte Unterstützungsaktionen der NSDAP, etwa zu Wahlaufrufen, einspannen. Durch seine Übernahme eines jüdischen Textilhauses am Schalker Markt im Zuge der sogenannten „Arisierung“ wird Szepan außerdem zu einem Profiteur des NS-Regimes. Die enteigneten Eigentümer Sally Meyer und Julie Lichtmann werden deportiert und in Riga ermordet.

Im Zweiten Weltkrieg beteiligt sich der Verein an der Unterhaltung von Soldaten. So spielen die Schalker auf einer Gastspielreise 1941 gegen deutsche Soldatenmannschaften in Paris, Brüssel und Warschau. Eine systematische Bevorzugung von Schalker Spielern durch Freistellung vom Kriegsdienst lässt sich dagegen nicht nachweisen. In den ersten Kriegsjahren gibt es allerdings wie bei Spielern anderer Klubs einige Vergünstigungen wie heimatnahe Stationierung oder großzügig gewährter Heimaturlaub.

Mit dem 2004 erschienenen Werk „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus“ hat der Verein als erster in Deutschland überhaupt seine NS-Vergangenheit wissenschaftlich untersuchen lassen. Autoren sind Stefan Goch und Norbert Silberbach vom Gelsenkirchener Institut für Stadtgeschichte.