Gazprom
  • 1994-2001: Eurofighter und Meister der Herzen

    Der bislang größte Triumph der Vereinsgeschichte ist der Sieg im UEFA-Cup 1997. Ihm folgt 2001 die wohl bitterste Niederlage: Die Bayern schnappen den Schalkern den Meistertitel in allerletzter Sekunde vor der Nase weg.

  • Am 18. August 1995 hat er seinen ersten großen Auftritt im Vereinsmagazin Schalker Kreisel: Erwin, das neue Vereinsmaskottchen. Erwin löst das bisherige Maskottchen, den Maulwurf Wühli, ab. Erwin ist ein echter Schalker: ein Kumpel und Malocher, auf den immer und überall Verlass ist. Der mit den Knappen durch dick und dünn geht. Der mit den Königsblauen fiebert, feiert und leidet. Mit Schuhgröße 57 lebt Erwin zwar auf großem Fuß, abgehoben ist er aber nicht.

    Im Gegenteil, er ist wie die Schalker Fans: die Bodenständigkeit in Person, einfach eine ehrliche Haut, sich für nichts zu schade. Er ist einer zum Anfassen: flauschig, kuschelig und gemütlich. Kein Wunder, dass die Kinder ihn so gerne knuddeln.

  • Tabellenplatz drei in der Saison 1995/1996 beschert Schalke 04 in der kommenden Spielzeit die Teilnahme am UEFA-Pokal. In der Bundesliga kommen die Königsblauen zunächst nicht in die Gänge – Trainer Jörg Berger wird entlassen.

    Nachfolger Huub Stevens ist den Schalkern nur deshalb bekannt, weil man kurz vor seiner Verpflichtung in der ersten Runde im UEFA-Pokal gegen Stevens Ex-Club Roda Kerkrade antrat. Mit Stevens meistern die Knappen auch die zweite Runde im Europapokal gegen Trabzonspor Kulübü und das Achtelfinale gegen Brügge und ziehen ins Viertelfinale gegen Valencia CF ein. Die spanische Mannschaft hatte in der ersten Runde Titelverteidiger Bayern München mit 3:0 besiegt. Doch die Schalker lieferten am 3. April 1997 im Parkstadion eine Topvorstellung mit zwei Toren von Wilmots und Linke.

  • Die Sensation ist perfekt: Der FC Schalke 04 steht im Finale des UEFA-Cups. Am 7. Mai reist die Mannschaft von Inter Mailand zum Hinspiel nach Gelsenkirchen. Alle zehn Schalker Feldspieler sind gelbsperrengefährdet – doch keinen erwischt es.

    Dafür trifft Wilmots zum 1:0 für Königsblau. Im Parkstadion wird auf der Anzeigetafel „Eine Hand am Pott“ eingeblendet…die zweite soll beim Rückspiel im Meazza Stadion in Italien folgen…

  • …und sie folgt. Doch die 30.000 mitgereisten Schalker müssen lange zittern, denn der Mailänder Zamorano trifft für die Italiener. Es gibt Verlängerung, die torlos bleibt. Elfmeterschießen. Ingo Anderbrügge beginnt und trifft. Der Schalker Keeper Jens Lehmann pariert den ersten Schuss von Zamorano. Olaf Thon verwandelt sicher für S04.

    Inters Djorkaeff ebenfalls. Anschließend gibt der Knappe Martin Max sein Elfmeterdebüt. Winter schießt für Italien ins Aus. Den finalen Treffer für Königsblau erzielt Marc Wilmots (rechts). Schalke holt den UEFA-Pokal. Die Fans jubeln, liegen sich in den Armen und singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“

  • Das Unglaubliche ist Wirklichkeit geworden: Der FC Schalke 04 holt am 21. Mai 1997 den UEFA-Cup. Es ist der bis dato größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Die Fans kreieren daraus eine neue Hymne. „Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlugen Brügge sowieso, Valencia, Teneriffa, Inter Mailand, das war ne Show!“

     Freudestrahlend laufen die Eurofighter in San Siro eine Ehrenrunde (v.l.): Ingo Anderbrügge, Mike Büskens, Radoslav Latal, Marc Wilmots, Andreas Müller, Johan de Kock.

  • Die Sieger von Mailand, oben von links: Mannschaftsarzt Dr. Armin Langhorst, Co-Trainer Hubert Neu, Jens Lehmann, Marco van Hoogdalem, Miguel Pereira, Thomas Linke, Yves Eigenrauch, Masseur Gerard Kuipers (oben), David Wagner, Mathias Schober, Thomas Kläsener, Youri Mulder, Johan de Kock, Rudi Assauer, Huub Stevens.

    Unten von links: Marco Kurz, Radoslav Latal, Mike Büskens, Oliver Held, Olaf Thon, Marc Wilmots, Jiri Nemec, Andreas Müller, Martin Max, Ingo Anderbrügge.

  • Mit seinem Tor schreibt er Bundesliga-Geschichte: Dem Schalker Jens Lehmann gelingt im Spiel gegen den Reviernachbarn Borussia Dortmund am 19. Dezember 1997 das erste Tor eines Torhüters aus dem Spiel heraus. Schalke liegt lange Zeit mit 0:1 zurück. In der 75. Minute gelingt Denis Kliouev der Ausgleich, doch Mittelfeldmann Andreas Möller bringt Dortmund vier Minuten später wieder in Führung.

    Erst in der 90. Minute sichert sich Schalke mit Lehmanns Treffer den Punkt – es ist dieser eine Punkt der Schalke am Ende der Saison erneut die Teilnahme am UEFA-Cup sichert.

  • Am 21. November 1998 erfolgt der Startschuss zum Bau für ein neues Zuhause für die Tradition: Die Pfahlgründung – analog zur Grundsteinlegung – für die Arena AufSchalke.

  • Eigentlich sieht man noch nicht viel mehr als Kräne, Lastkraftwagen und Baugerüste – doch die Fans interessieren sich für jeden Bauabschnitt. Am Sonntag, den 21. Mai 2000, fällt dann der Startschuss zur ersten Baustellenführung.

    Die rund einstündige Tour startet am Tunnel Nord. Von dort geht es zur Haupttribüne und hier immer höher hinaus, über die Treppenhäuser zum Oberrang, wo sich die Fans einen Eindruck über die gesamte Baustelle verschaffen können.

  • Das Ende einer Ära: Am 19. Mai 2001 verabschieden die Fans des FC Schalke 04 das Parkstadion mit einer ausgefallenen Choreografie. Dargestellt wird das Spielfeld und die Jahre, zwischen denen die Spielstätte in Betrieb war. S04 erlebte eine wechselvolle Geschichte im Parkstadion.

    Die Vizemeisterschaft 1977, der UEFA-Cup-Sieg 1997, drei Abstiege ins Unterhaus, immer wieder Spiele vor leeren Zuschauerrängen und eine nur um Haaresbreite verpasste Deutsche Meisterschaft. Doch von diesem letztgenannten Drama wissen die Anhänger noch nichts, als sie zu Beginn des letzten Spieltags der Bundesliga-Saison 2000/2001 die blauen, weißen und grünen Papierseiten in die Höhe halten.

  • Das größte Drama des deutschen Fußballs nimmt am 19. Mai 2001 in Gelsenkirchen seinen Lauf. Oder genauer gesagt auch in Hamburg. Denn die Knappen lassen im Parkstadion nichts anbrennen. Zu Gast ist die SpVgg Unterhaching. Königsblau muss das Spiel „nur“ gewinnen, Bayern München seine Partie in Hamburg verlieren – dann ist Schalke Deutscher Fußballmeister.

    Und es sieht gut aus für die Knappen: S04 holt zunächst einen 0:2-Rückstand auf. Jörg Böhme egalisiert dann auch die erneute Führung für Unterhaching. Er trifft in der 69. zum 3:3 und erhöht in der 73. Minute sogar zum 4:3 für Schalke. Ebbe Sand erzielt in der 89. Minute einen weiteren Treffer zum 5:3-Endstand. Gleichzeitig geht der HSV gegen die Bayern in Führung. Damit wäre Schalke zum ersten Mal seit 1958 Meister …

  • … anders als auf Schalke ist die Partie in Hamburg jedoch noch nicht abgepfiffen. Rudi Assauer mahnt die jubelnden Fans zunächst zur Ruhe. Doch zwei Minuten später gibt Schalkes Manager Entwarnung. Er hört die Nachricht vom angeblichen Ende des Spiels in Hamburg. Das Stadion bebt.

    Die Tore zum Innenraum werden geöffnet, und die Fans strömen auf den Rasen. Doch die Schalker Mannschaft, die angesichts der Menschenmassen Richtung Kabine flüchtet, versteht die Welt nicht mehr.

    Denn im Fernsehen sehen die Spieler Live-Bilder aus Hamburg. Diese werden eine Minute später auch auf der Videowand gezeigt. Vor den Augen zigtausender Schalker Fans bekommen die Bayern einen Freistoß, erzielen den Ausgleich – und sind Deutscher Meister.

  • „Walk on, walk on, with hope in your heart and you’ll never walk alone“, singen die Fans, als sich die Schalker Mannschaft nach der so unglücklich verlorenen Deutschen Meisterschaft am 19. Mai 2001 20 Minuten nach dem Schlusspfiff auf der Tribüne am Marathontor zeigt. Der Gesang geht unter die Haut und treibt den Spielern, dem Manager und dem Trainer Tränen in die Augen.

    Die Trauer, Wut und Enttäuschung sind Olaf Thon, Tomasz Hajto, Gerald Asamoah und Jörg Böhme (v.l.) ins Gesicht geschrieben. Sie haben gekämpft und am Ende doch verloren. Trainer Huub Stevens findet die richtigen Worte: „Jungs, das ist natürlich Scheiße. Aber ich gratuliere euch zur Qualifikation für die Champions League. Und wir haben nächste Woche noch einen Titel zu holen, den wir heute nicht geholt haben.“

  • Um 17.20 Uhr macht sich am 19. Mai 2001 lähmendes Entsetzen im Parkstadion breit. Schalke ist doch nur Vizemeister. Wo für kurze Zeit Freudentränen flossen, strömen jetzt Tränen der Enttäuschung. Es herrschen Fassungslosigkeit, Ohnmacht.

    Auf dem Spielfeld sind etliche Fans zusammengebrochen. Einige reißen Stücke des Rasens heraus. Andere halten sich einfach nur in den Armen und sind untröstlich. Es ist ein denkwürdiger Abschied vom Parkstadion. Einer, der sich auf ewig in das kollektive Schalker Gedächtnis einbrennt.

  • Das erste Training nach der verpassten Meisterschaft. Tausende Fans kommen zum Trainingsgelände vor dem Parkstadion und klatschen Beifall, als die Mannschaft auf den Platz kommt. Für die königsblauen Anhänger sind die Knappen der Meister der Herzen.

    Außerdem gilt es, das Team erneut zu motivieren, denn der nächste Titelkampf steht kurz bevor: Am Wochenende geht es nach Berlin zum Endspiel gegen Union Berlin um den DFB-Pokal.

  • Im Pokalfinale am 26. Mai 2001 ist den Königsblauen die Verunsicherung nach der so tragisch verpassten Deutschen Meisterschaft noch deutlich anzumerken. Erst in der zweiten Hälfte kommen die Knappen gegen den Zweitligisten Union Berlin zu Toren.

    In der 53. Minute verwandelt Jörg Böhme einen Freistoß, in der 58. einen Elfmeter zum 2:0-Endstand. Der Torschütze gibt nach dem Spiel zum Besten, dass er sich nach dem Schlusspfiff erst einmal erkundigt habe, ob noch irgendwo ein Spiel läuft.

  • Als der Kapitän Tomasz Waldoch den Pott in die Höhe reißt, kennt der Jubel der 30.000 mitgereisten Schalker Fans im Berliner Olympiastadion keine Grenzen mehr. Die Stadionregie spielt „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“ und „Ob ich verroste und verkalke“ in Dauerschleife, und die Fans und die Mannschaft singen begeistert mit.

    Die Knappen tanzen um den Pokal, füllen ihn mit Bier und spülen den Frust über die entgangene Meisterschaft runter. Erst anderthalb Stunden nach dem Schlusspfiff zieht sich das Team allmählich in die Kabine zurück. Das vor wenigen Tagen zerbrochene Fußball-Herz wächst langsam wieder zusammen.