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  • 1945-1963: Die siebte Meisterschaft

    Nach Kriegsende können die Knappen zunächst nicht an ihre bisherigen Erfolge anknüpfen. In den 1950er-Jahren steigt die Formkurve jedoch rapide an und mündet 1958 im siebten Meistertitel.

  • Wer am 25. November 1945 im Stadion in Wuppertal gegen 14.30 Uhr das Programmheft aufschlägt, kann es lesen: „Colours: Blue“, steht dort unten rechts auf Seite zwei, und daneben „Schalke 04“. Der Zweite Weltkrieg ist gerade mal ein halbes Jahr vorbei und die Königsblauen sind längst wieder eine gefragte Mannschaft auf dem Rasen. So gefragt, dass auch die britische Soldatenauswahl der 53. Division es sich nicht nehmen lässt, gegen die Knappen anzutreten.

    Erst seit September waren Vereine in Deutschland überhaupt wieder zugelassen. Doch Schalke spielte schon seit dem 22. Juli. In Erkenschwick sogar vor 15.000 Zuschauern. Aber eben alles inoffiziell, unter Pseudonymen wie die „Aschenkippe“. In Wuppertal im November 1945 war aber wieder alles ganz offiziell: Blue und Schalke 04. Und auch das Ergebnis stimmte – 2:1 für den S04.

  • Hans Klodt liegt am Boden und kann dem Ball nur noch hinterherschauen. Westfalia Hernes Spieler reißen jubelnd die Arme hoch. Drei Mal muss der Schalker Torhüter hinter sich greifen an diesem 31. März 1946. Mit 1:3 unterliegen die Knappen dem Stadtnachbarn in diesem Freundschaftsspiel. Aber Niederlagen werden nicht zur Regel: Am 9. März startet die von der britischen Behörde organisierte zweigeteilte Westfalenliga.

    Ernst Kuzorra stellt die Mannschaft auf, die Spieler trainieren sich anfangs noch selbst. Und am Ende wird der S04 ungeschlagen Gruppenmeister. Die Revanche gegen Herne gelingt übrigens auch noch: Am 7. Juli findet das erste Heimspiel in der wieder instandgesetzten Glückauf-Kampfbahn statt – und die Königsblauen siegen mit 5:0.

  • In der neugegründeten Westfalenliga geht es für den FC Schalke 04 um Punkte und Tabellenplätze. Am 7. September 1946, beim 7:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart, zählt für Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Co. aber nur eines: Nahrungsmittel. Bei den sogenannten „Kartoffelspielen“ gibt es Speck, Eier, Butter oder eben Kartoffeln als Antrittsgage oder Torprämie.

    In der unmittelbaren Nachkriegszeit sind das wahre Luxusgüter. So entwickeln sich diese Freundschaftsspiele, die vor allem bei kleineren Clubs auf dem Land gefragt sind, zu wichtigen Kalorienlieferanten für die S04-Spieler. Die können sie in Anbetracht der desolaten Ernährungslage gut gebrauchen – auch, um im Liga-Alltag bei Kräften zu bleiben.

  • Die Sonne scheint und an diesem Sonntagnachmittag wirkt alles wieder fast so leicht wie früher. Paul Matzkowski umkurvt locker die Gegenspieler und die Königsblauen besiegen den VfL Benrath mit 9:0. Es ist der 21. August 1949 – und der FC Schalke 04 verhindert gerade noch so den Abstieg. Nach der Gründung der Oberliga West zur Saison 1947/1948 ging es stetig bergab für die alternden Knappen.

    Ein Jahr später haben sich die Gelsenkirchener als Tabellenletzter eigentlich bereits aus der Liga verabschiedet. Weil aber auch diese Oberliga-Staffel nachträglich auf 16 Mannschaften aufgestockt wird, bekommt der S04 in Relegation noch eine Chance. Erst besiegen die Knappen Bayer Leverkusen (1:0), dann folgt Benrath. Nicht dabei ist übrigens Trainer Ferdl Swatosch – der weilte noch im Urlaub …

  • Walter Zwickhofer und Hermann Eppenhoff lächeln  in die Kamera. Sie haben es geschafft. Nach vier Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft und 20 Tagen Bahnfahrt sind die beiden Spieler im April 1949 zurückgekehrt nach Gelsenkirchen. Da lächelt auch ganz Schalke: In den abstiegsbedrohten Zeiten stiften die Idole wieder Hoffnung.

    Eppenhoff war immerhin dreimaliger Meister mit Königsblau. Kaum zurück, besuchen sie auch direkt das Vereinsheim. Sie wollen spielen. Manch einer zweifelt womöglich am Zustand der Rückkehrer. Kicken im Kaukasus ist das eine. In der Oberliga anzutreten das andere. Im August sorgen Zwickhofer und Eppenhoff schließlich entscheidend mit dafür, dass Schalke die Klasse hält.

  • Und dann ist Schluss. Über 40 Jahre alt sind Ernst Kuzorra und Fritz Szepan als sich die beiden größten Spieler der Schalker Geschichte das königsbaue Trikot ein letztes Mal überstreifen. Die Schwäger hatten den Club zu sechs Meisterschaften geführt. Sie hatten den berühmten Kreisel geschaffen. Sie waren Schalke. Aber im hohen Fußballeralter, in den Oberligajahren Ende der 1940er-Jahre, lernten sie auch die Niederlagen kennen. Sogar Kritik an den alternden Helden kam auf – es ist also Zeit zu gehen.

    Am 12. November 1950 gastiert die brasilianische Spitzenmannschaft Clube Atlético Mineiro Belo Horizonte in der Glückauf Kampfbahn. Über 30.000 Zuschauer sehen zu, als sich die Legenden verabschieden. Die Gäste siegen zwar mit 3:1. Aber das Ergebnis ist an diesem Tag eh nebensächlich.

  • Auch in den frühen 1950er-Jahren kann sich der FC Schalke 04 auf seine Fans verlassen. Mit diesem Bus machen sich Schalker Schlachtenbummler auf den Weg zu den Spielen. Am 29. April 1951 lassen sie den Bus aber lieber stehen. Zu Fuß und gemeinsam mit den Spielern geht es von der Stadtgrenze aus nach Gelsenkirchen.

    Es ist eine Art Triumphmarsch, denn die verjüngten Schalker um Bernhard „Berni“ Klodt sind nach den sportlich enttäuschenden Jahren zuletzt wieder Westdeutscher Meister. Dies qualifiziert die Königsblauen zur Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft. Dort scheiden sie zwar aus, doch wird dieses Jahr der Auftakt eines Jahrzehnts, an dessen Ende die bislang letzte Meisterschaft des Clubs stehen sollte.

  • Auf dem Platz kann Fritz Szepan (links oben) seinem Verein nicht mehr helfen. Doch als Trainer führte er Schalke endlich wieder an die Spitze im Westen. Im letzten Saisonspiel der Oberliga West am 29. April 1951 besiegen die Knappen den Ruhrgebietsnachbarn Essen Katernberg mit 4:1. Und weil der bisherige Tabellenführer Preußen Münster gegen Dellbrück 0:4 verliert, zieht Szepans Team noch vorbei: Westdeutscher Meister!

    Der erste Titel nach dem Krieg! Bei der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft verlieren die Königsblauen in der Glückauf-Kampfbahn direkt mit 1:2 gegen den FC St. Pauli. In der Vorrunde ist dann auch Schluss. Münster, der zuvor noch überholte Liga-Konkurrent, schafft es übrigens bis ins Finale, unterliegt dort aber dem 1. FC Kaiserslautern.

  • Nachdem es im Jahr zuvor für Schalke bereits wieder bis in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ging, stehen die Königsblauen auch 1952 wieder in der Gruppenphase. Am 18. Mai gastiert der große Konkurrent 1. FC Nürnberg in Gelsenkirchen. Doch über ein 2:2 kommen die Knappen nicht hinaus. Das Rückspiel endete 4:2 für Nürnberg. Der S04 scheidet als Gruppenletzter aus. Da helfen auch die Tore von Hennes Kleina (rechts mit geringelten Stutzen im Bild) nicht weiter.

    Apropos Kleina. Sechs Jahre später holt Schalke den Titel, aber der nicht mehr aktive Torjäger kann nicht zuschauen. Nur 8530 Karten bekommt der Verein für das Finale in Hannover zugeteilt. Der Andrang ist aber so groß, dass es selbst für einen Altgedienten heißt: ausverkauft …

  • 200 Menschen stehen auf dem Rasen der Glückauf-Kampfbahn. Sie haben sich  formiert: „50 FC S04“ kann man aus der Luft lesen. 5000 Brieftauben steigen auf. Zwar hatten die Königsblauen gegen Rot-Weiss Essen gerade die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft verspielt. Doch gefeiert wird am 25. Juli 1954 trotzdem – und zwar das 50-jährige Jubiläum des Clubs.

    Ganz Gelsenkirchen im Ausnahmezustand. Eröffnet wurde die Festwoche mit dem Freundschaftsspiel der alten Schalker Garde gegen den 1. FC Nürnberg. 3:4 verlieren die Knappen und bei Ernst Kuzorra wackeln nach einem Zusammenprall sogar zwei Zähne. Die Stimmung trübt das aber nicht. Auch weil Berni Klodt aus der Schweiz zurückkehrt – als Weltmeister.

  • Das frisch gestrichene Schild kann sich sehen lassen. Doch bei einem Anstrich bleibt es nicht. Pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum des Vereins 1954 wird auch die Glückauf-Kampfbahn, die königsblaue Spielstätte, umgebaut. Die erweiterte 114 Meter lange Tribüne darf sich die längste Deutschlands nennen. Dazu finden sich im Stadion moderne Highlights wie ein Bestrahlungsraum, eine Sauna oder eine Unterwassermassage.

    Ex-Spieler und nun Platzwart Ernst Kalwitzki will demjenigen 1000 DM zahlen, der zeigen kann, dass es anderswo „eine solch imposante Tribüne mit den einzigartigen Innenräumen gibt“. Auf dem Platz aber glänzt es noch nicht vollkommen – durch ein 2:4 gegen Rot-Weiss Essen am letzten Spieltag verpasst Schalke die Teilnahme an der Meisterschafts-Endrunde.

  • „Die Deutsche Meisterschaft ist für mich das Größte. Im Verein spielt und rennt man ein ganzes Jahr für dieses Ziel. Da können die zeitweiligen Erfolge mit der Nationalelf nicht mithalten“, betont Berni Klodt – und das als Weltmeister!

    Doch die Schale mit Schalke ist der große Traum des inzwischen 31-Jährigen. Im 3:0-Endspielsieg gegen den Hamburger SV am 18. Mai 1958 erzielt Klodt zwei Treffer. Mit diesem Triumph reiht er sich endgültig ein in die Garde der Großen aus Gelsenkirchen um Ernst Kuzorra und Fritz Szepan.

  • Es ist eine junge Elf, die 1958 die Deutsche Meisterschaft nach Gelsenkirchen holt. 25,7 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Schalker Mannschaft. Berni Klodt (31) und Günter Brocker (33) sind die Ältesten im Kader, der treffsichere Willi Koslowski ist mit 21 Jahren der Jüngste. Es ist außerdem eine Elf, die zum letzten Mal zur Hälfte aus Gelsenkirchenern bestehen wird. Der Rest kommt immerhin aus dem Ruhrgebiet. Einzig Günter Siebert stammt nicht aus der Region, sondern aus Kassel.

    „Nicht weiter als 30 Pfennig mit der Straßenbahn von der Glückauf-Kampfbahn entfernt wohnen“, hatte Ernst Kuzorra einst gefordert. Doch der Fußball begann sich zu verändern, und diese Maxime konnte in den folgenden Jahren nicht mehr durchgehalten werden.

  • Schalker Jubel in Hannover! Das Finale um die Deutsche Meisterschaft führt die Knappen ins Niedersachsenstadion. Vor über 80.000 Zuschauern gegen den Hamburger SV um keinen Geringeren als Uwe Seeler können sich die Königsblauen über die Treffer von Manfred Kreuz und zweimal Berni Klodt freuen. Überhaupt ist Schalke ungemein treffsicher in dieser Endrunde: 19:1 lautet das beeindruckende Torverhältnis in nur vier Spielen.

    Lediglich Eintracht Braunschweig kann gegen den späteren Meister im Gruppenspiel einnetzen. Tennis Borussia Berlin verliert gar 9:0. Doch viel wichtiger als all die Tore ist die Schale – die erste seit 1942.

  • Noch lächelt Berni Klodt. Aber dem Kapitän der Königsblauen ist wohl auch schon bei der Wimpelübergabe klar, dass es kein einfacher Abend werden würde an diesem 18. März 1959. Schalke hatte sich mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1958 erstmals für den Europapokal der Landesmeister qualifiziert. Nachdem sich die Mannschaft gegen Kopenhagen und die Wolverhampton Wanderers bis ins Viertelfinale vorgekämpft hat, wartet nun Atlético Madrid. Der spanische Meister.

    Vor 110.000 Fans im Bernabeu-Stadion. Dort verlieren die Knappen unglücklich mit 0:3. Nun muss es das Rückspiel bringen. Und nach zehn Sekunden führt tatsächlich der S04. Am Ende steht aber ein 1:1. Für Schalke ist international Schluss. Und zwar für die nächsten zehn Jahre.

  • „Eine dolle Stimmung: keine Zäune, die Zuschauer nur zwei, drei Meter von der Außenlinie entfernt. Manche hingen sogar in den Bäumen oder auf den Flutlichtmasten“, erinnert sich Willi Koslowski aus der 1958er-Meistermannschaft. Wenn Schalke spielt, kommen sie alle und drängen sich so sehr ans Spielfeld, dass die Spieler Probleme haben, Ecken zu schießen.

    Und so wundert sich manch einer wohl, wenn der Stadionsprecher Ende der 1950er Jahre nur von 30.000 Zuschauern spricht: 1961, aus diesem Jahr stammt auch das Bild, schlittert der Club in einen handfesten Skandal, weil er unter anderem mehr Karten verkaufte als er abrechnete. Im Stadion wird dann natürlich nur die offizielle Zahl verkündet …

  • Skandal um schwarze Kassen hin oder her, auf dem Platz gehört Schalke auch 1962 zu den Top-Mannschaften. Als Zweitplatzierter in der Oberliga West hinter dem 1. FC Köln müssen die Knappen allerdings in die Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft. Gegen Werder Bremen  treten sie am 18. April auf neutralem Boden an – in Hannover. Vor vier Jahren erst sicherten sie sich dort die Schale.

    Und auch diesmal bleibt dieser Rasen ein gutes Pflaster. Zwar steht es nach 90 Minuten 1:1. Doch in der Verlängerung treffen Willi Koslowski, Horst Assmy und Berni Klodt. Trotzdem ist in dann in der Vorrunde Schluss. Es ist die letzte Teilnahme des S04 an einer Endrunde um die Meisterschaft: Ein Jahr später verpassen die Königsblauen den Sprung. Danach kommt die Bundesliga.

  • Aufbruch! Das war das große Thema des Sommers 1963. Für die Mannschaft des FC Schalke 04 ging es im Mai per Flugzeug über den Atlantik. Knapp zwei Wochen besuchten die Knappen die USA und absolvierten dort vier Freundschaftsspiele. Und am 24. August begab sich auch der deutsche Fußball auf zu neuen Ufern: Die Bundesliga wurde aus der Taufe gehoben.

    Schalke siegte bei der Premiere gegen den VfB Stuttgart mit 2:0. Fast wie die Reise nach Übersee entbehrte auch dieses Spiel nicht einer gewissen Exotik. Willi Koslowski erinnert sich: „Wir kannten nur die West-Vereine. Von den meisten anderen Gegnern wussten wir nicht viel.“ Im Spiel schien Koslowski – der „Schwatte“ – dies nicht weiter zu stören. In der 37. Minute erzielte er das 1:0. Es war das erste Bundesliga-Tor der Königsblauen.

  • 1963/1964. Es ist die erste Saison in der neuen Bundesliga. Und die Schalker Mannschaft ist vor Gericht. Zwar sind die Spieler nur Gäste, aber gegen vier Funktionäre wird vor dem Essener Landgericht tatsächlich verhandelt – wegen schwarzer Kassen und Steuerhinterziehung. Im Herbst 1961 fliegt auf, dass der Verein 150.000 D-Mark unter anderem aus Zuschauereinnahmen nicht abgerechnet hat, um damit Handgelder, Prämien und Möbelrechnungen zu zahlen.

    „Sonst hätten wir keine Spieler mehr auf den Platz geschickt“, erklärt Kassierer und Angeklagter Hans Asbeck eine offenbar allgemeine Praxis. Erst 1964 werden die Angeklagten Georg König, Wilhelm Nittka, Ludwig Wiescherhoff und Asbeck zu milden Geldstrafen verurteilt. Ach ja: Schalke beendet das erste Bundesligajahr auf Platz acht.