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  • 1904-1923: Gründung

    Willy Gies ist einer der Gründungsväter des FC Schalke 04. Sein Sohn Willy jr. wird am 4. Mai 1924 geboren. Es gibt keine Zufälle.

  • 1904 nimmt in einem noch wenig bekannten Gelsenkirchener Stadtteil alles seinen Anfang: Eine Gruppe Jungs – allesamt Nachbarn, die sich regelmäßig zum Kicken treffen – beschließt, einen Fußballverein zu gründen. Einige der um die 14 Jahre alten Jungen treffen sich im Garten von Heinrich Kullmann, der im Schatten der Zeche Consolidation wohnt. Bislang pöhlen sie auf der Straße.

    Doch sie wollen gegen die bereits bestehenden Ortsrivalen wie Spiel und Sport Schalke 1896 oder den BSV Gelsenkirchen antreten. Nur mit einem eigenen Verein können sie Gegner einladen. Willy Gies notiert die Namen der Gründungsmitglieder in seinem Notizbuch. Anschließend geht es raus. Zum Fußballspielen.

  • Sie ist das wertvollste Stück des Archivs: die Mannschaftsaufnahme von Westfalia Schalke aus der Saison 1908/1909. Denn die Fotografie ist das älteste erhaltene Dokument der Vereinsgeschichte.

    Adolf Oetzelmann, Fritz Gwiasda, Josef Seimetz, Johann Küpper, Wilhelm Gies, Wilhelm Latza, Betreuer Gerhard Klopp, Ferdinand Gebauer, Heinrich

    Kullmann, Otto Grzella, Josef Jansen und Bernhard Koppmann (von links nach rechts, von hinten nach vorn) treten in dieser Saison gegen Westfalia Bismarck auf dem Sportplatz an der Taubenstraße an. Der Verein hat noch keine Struktur, keinen eigenen Platz. Die elf Jungs aus der Nachbarschaft der Zeche Consolidation wollen einfach nur Fußball spielen. Die Anfänge des FC Schalke 04.

  • Die Kicker von Westfalia Schalke haben große Pläne. Sie wollen unbedingt gegen andere ortsansässige Fußballvereine antreten. Doch es gibt eine Hürde: Den Aufnahmeantrag im Westdeutschen Spielverband (WSV). Die Jungen erhalten eine Absage, da die Lebensfähigkeit des Vereins fraglich sei. Der eigentliche Grund für die Weigerung des WSV ist jedoch die bürgerliche Ausrichtung des WSV.

    Er steht dem Zusammenschluss der jungen Fabrikarbeiter und Kumpel argwöhnisch gegenüber. Mit einem Trick will Westfalia Schalke sich die Mitgliedschaft sichern: Die Jugendlichen bitten einen Erwachsenen, ihren Vorsitz zu übernehmen. Heinrich Hilgert, Wiegemeister und Zechenbeamter auf Consolidation willigt auf der Mitgliederversammlung 1909 ein: „Jau, Jau, ich dau et!“ – Doch auch Hilgert kann den Weg in die Liga vorerst nicht bahnen.

  • Genau genommen gleicht sie eher einem Acker: die Wiese hinter der Ruine des Herrenhauses Goor, auf der die Jungen Fußball spielen, die 1904 Westfalia Schalke gründeten. Doch das stört Willy Gies und Konsorten nicht. Immerhin hat an gleicher Stelle der Lokalrivale Spiel und Sport Schalke 1896 begonnen – und spielt jetzt in Bismarck auf einem gepflegten Sportplatz. 1905 zieht Westfalia Schalke zur Taubenstraße auf einen städtischen Platz.

    Doch die umliegenden Ziergärten leiden durch Querschüsse gewaltig, und die Kosten für die Instandsetzung können die Lehrlinge bald nicht mehr bezahlen. Kurzerhand pachten sie mit Unterstützung ihres Lieblingswirts Heining die Rubens’sche Wiese zwischen Grenz- und Industriestraße. Im Wortsinn holprige Anfänge, an deren Ende einige Jahre später ein eigenes Stadion stehen wird.

  • Trotz des neuen Vorsitzenden Heinrich Hilgert, der 1909 sein Amt aufnimmt, verweigert der Westdeutsche Spielverband Westfalia Schalke die Mitgliedschaft. Das bedeutet für die Mannschaft, dass sie nicht am Ligabetrieb teilnehmen kann. Erst als sich die Fußballer dem Turnverein Schalke1877 anschließen, können sie endlich gegen die lokale und regionale Konkurrenz antreten.

    Zunächst in die C-Klasse (Dritte Liga) eingruppiert, bestreitet Westfalia Schalke ab September 1912 seine Spiele in der B-Klasse (Zweite Liga). Die Gegner heißen Union Gelsenkirchen, BV Buer 07, Westfalia Herne oder Wattenscheid 09. In seiner ersten Saison erreicht Schalke Platz sechs (von neun). In der Saison 1913/1914, aus der das Foto stammt, schneiden die Knappen auf Platz fünf (von acht) ab.

  • Schalke 04 – der Kumpel- und Malocher-Club: Ein Blick in die Gewerkenstraße, eine der Wohnstraßen rund um die Zeche Consolidation, veranschaulicht den Ursprung des Vereins. Auf engstem Raum wohnen die Jungs, die im Jahr 1904 Westfalia Schalke gründen, zusammen mit ihren Familien. Es sind Arbeiterkinder, die eine Lehre in der Herdfabrik Küppersbusch oder auf der Zeche absolvieren.

    Ihre Herkunft macht den Vereinsgründern im Fußballsport anfänglich zu schaffen. Es sind bürgerliche Sportvereine, die den Spielbetrieb dominieren und denen der Westdeutsche Spielverband die Mitgliedschaft gewährt. Doch die Jungs lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Mit Ausdauer und Zielstrebigkeit verfolgen sie ihren Traum: die Ligateilnahme von Westfalia Schalke.

  • Die Kneipe. Treffpunkt für geselliges Beisammensein. Und eine wichtige Institution für Königsblau. Es ist ein Gastwirt, der den Schalker Jungen zu ihrem ersten eigenen Sportplatz verhilft: Bei Heining in der Gewerkenstraße treffen sie sich nach ihren Fußballspielen. Dort beklagen sie die widrigen Umstände, unter denen sie auf dem städtischen Sportplatz an der Taubenstraße kicken. Der Schankwirt vermittelt die Rubens’sche Wiese zwischen Grenz- und Industriestraße.

    Die Zusammenkünfte von Westfalia Schalke bei Heining werden bald jedoch polizeilich untersagt. Die Knaben sind für den Kneipenbesuch zu jung. Die Lösung: Haus Dittmar in der Herzogstraße. Hier gibt es einen Nebenraum, wo sie ungestört sind. Schalkes zweite Vereinskneipe ist auserkoren.

  • Die Anfangsjahre von Königsblau sind unstet: Der WSV verweigert die Mitgliedschaft, Schalke schließt sich dem TV Schalke 1877 an, der Spielbetrieb wird im Ersten Weltkrieg eingestellt. Inmitten des Kriegs kommt es jedoch zu einer zweiten Schalker Gründung. Robert Schuermann, langjähriges Mitglied des TV Schalke 77, belebt 1915 den Fußballverein wieder. Er versammelt jene Burschen um sich, die nicht in den Krieg gezogen sind, und erreicht die Aufnahme im WSV. Als er ein Jahr später selbst eingezogen wird, nimmt seine Frau Christine Schuermann die Zügel in die Hand.

    Sie ist die Tochter von Gastwirt Wilke, bei dem fortan die Clubtreffen stattfinden. Lange währt die Amtszeit der ersten Frau an der Spitze eines Fußballvereins nicht: Im Juli 1918 verstirbt Christine an den Folgen einer Stirnhöhlenvereiterung. Ihr Mann ist noch an der Front.

  • Mitten im Weltkrieg, nach monatelanger Pause, rollt 1915 auch in Gelsenkirchen wieder der Fußball. Robert Schuermann, Bankangestellter und Mitglied des Turnvereins Schalke 1877, hilft Westfalia Schalke wieder auf die Beine. Unterstützt wird er dabei von jemandem, dessen Leidenschaft der Fußball ist: Thomas Student, 18 Jahre (hintere Reihe, 3. v. l.). Der Gelsenkirchener richtet die Sportanlage an der Grenzstraße wieder her.

    Außerdem motiviert er Freunde und Bekannte, die genauso gern kicken wie er, die Schalker Reihen zu füllen, da viele Spieler an der Front kämpfen. Die Mannschaft schätzt den Malocher in ihrer Mitte und macht ihn zum Kapitän – dem ersten in der Vereinsgeschichte. Diesen Posten behält der drahtige und zähe Verteidiger zwölf Jahre lang, bis ihn Ernst Kuzorra ablöst.

  • Die Schlote der Gelsenkirchener Zeche Consolidation rauchen. Sie verändert beim Übergang vom 19. ins 20. Jahrhunderts das Leben der gesamten Region nachhaltig. Nicht nur die Stadt entwickelt sich durch die Großindustrie weiter. Auch der Fußballverein Schalke profitiert von der Zeche und hätte ohne sie wohl eine andere Entwicklung genommen. Einige Vereinsgründer absolvieren eine Ausbildung auf Consol.

    Die Zeche zieht um die Jahrhundertwende Arbeitskräfte aus den Ostprovinzen an – die Eltern von Szepan, Kuzorra und Co. Der erste Schalker Vorsitzende, Heinrich Hilgert, ist Wiegemeister auf Consol. Und ohne „Papa“ Unkel, der als Materialverwalter auf der Zeche arbeitet, wäre die Glückauf-Kampfbahn, das erste Schalker Stadion, wohl nie entstanden. Kein Wunder, dass die Schalker bis heute die Knappen heißen. Sie haben den echten Knappen viel, wenn nicht alles zu verdanken.

  • Als Fred und Hans Ballmann 1920 zu Schalke kommen, ahnt noch niemand, dass sie für eine Sensation sorgen würden. Es sind verschlungene Wege, auf denen sie zu den Knappen finden: Ihre Eltern, gebürtige Dortmunder, wandern mit ihren Söhnen um 1900 nach England aus, um im Bergbau zu arbeiten. Während des Ersten Weltkriegs wird die Familie interniert.

    Fred und Hans lernen Fred Kühne kennen. Der Kriegsgefangene erzählt den beiden Fußballern von seiner Heimatstadt Gelsenkirchen und dem aufstrebenden Fußballverein S04. Nach dem Krieg werden die Ballmann-Brüder des Landes verwiesen und erinnern sich an Kühne. Der bringt sie nach Schalke. Während sie für englische Verhältnisse nur mittelmäßig Fußball spielen, sorgt ihr Auftritt in Gelsenkirchen für Furore: Es ist die Geburtsstunde des Schalker Kreisels.

  • Das erste Foto einer Spielszene der Schalker stammt vom 25. Juni 1922, der Gegner heißt Union Gelsenkirchen. Die Knappen gewinnen das Freundschaftsspiel mit 2:1. Die hellen Trikots, die die Knappen zum Beispiel 1912 oder 1916 getragen haben, geben einen Anhaltspunkt, welche der beiden Mannschaften die Schalker sind. In der Saison 1921/1922 spielt das Team erstmals in der Emscher-Kreisliga. Der Aufstieg gelang in der vorangegangenen Spielzeit.

    Am Ende schließt Schalke mit dem dritten Tabellenplatz ab und darf damit im Oktober zum Entscheidungsspiel um den Gauliga-Aufstieg antreten. Zur Vorbereitung absolviert die Mannschaft in der Sommerpause 1922 eine Reihe von Freundschaftsspielen. Gegner sind benachbarte Vereine, aber auch weiter entfernte Clubs wie den VfB Karlsruhe oder Hermannia Kassel. Das Aufstiegsspiel gegen den SV Dortmund 08 geht trotzdem verloren.

  • Ein Hauch von Europa weht durch Schalke: In der Sommerpause 1922, vor dem Entscheidungsspiel zum Aufstieg in die Gauliga, das allerdings verloren geht, empfangen die Knappen einen hochkarätigen Gast aus Österreich. Am 3. August 1922 treten die Schalker um 18 Uhr auf dem Platz an der Grenzstraße gegen den Wiener Associationsfootball-Club, kurz Waf-Wien, zu einem Freundschaftsspiel an.

    Die Wiener sind amtierender Pokalsieger und Österreichischer Meister von 1914. Die Mannschaft ist garniert mit fünf Nationalspielern. Erwartungsgemäß gehen die Wiener nach 20 Minuten in Führung. Doch den Schalkern gelingt nach der Pause der Ausgleich. Laut Zeitungsbericht vergeben sie zwei weitere klare Torchancen. Am Ende siegen die Wiener mit 2:1 – unverdient, wie die „Gelsenkirchener Allgemeine“ meint. Und doch: ein erstes Kräftemessen des S04 im europäischen Spitzenfußball.