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  • 1988-1994: Neue Vereinsstruktur

    Nach der zweifelhaften Ära des „Sonnenkönigs“ Günter Eichberg stellen die Schalker ihren Verein neu auf. Eine neue Satzung sorgt für transparente Vereinsstrukturen.

  • Am 16. Januar 1989 wählt die Mitgliederversammlung Günter Eichberg zu Schalkes neuem Präsidenten. Angesichts der kaum gefüllten Schalker Kassen gilt Eichberg als Retter. Der ehemalige Geschäftsführer der AOK Gütersloh betreibt zusammen mit seiner Frau, der Immobilienmaklerin Christa Paas, mehrere Schönheitskliniken.

    Er bringt scheinbar das große Geld nach Gelsenkirchen. Außerdem mit im Gepäck: jede Menge Visionen. Er will Schalke zum Beispiel ein neues Stadion errichten. Am 23. Januar 1990 erklärt er den Medien und der Stadtspitze seine Vorstellungen. Nur an den konkreten Umsetzungen seiner Luftschlösser wird es während seiner Amtszeit stets hapern.

  • In der Saison 1988/1989 kämpft Schalke gegen den Abstieg – in die Dritte Liga. Die Königsblauen spielen zum dritten Mal seit Beginn der Bundesliga in Liga Zwei. Nach den bisherigen Abstiegen hat man stets den sofortigen Wiederaufstieg geschafft. Präsident Günter Siebert verändert für dieses Vorhaben in der Sommerpause das Personal: 15 Spieler gehen, junge Kicker kommen.

    Doch es folgt ein Fehlstart, der Trainer Horst Franz im September 1988 das Amt kostet. Nachfolger wird Diethelm Ferner, der Königsblau schon einmal zurück in die Erste Bundesliga geführt hat. Nach einem kurzen Zwischenhoch folgt der Fall auf Platz 18, im April wird auch Ferner entlassen. Es kommt Peter Neururer. Am 11. Juni 1989 nach dem 4:1-Sieg gegen Blau-Weiß 90 Berlin ist der Klassenerhalt geschafft. An die 70.000 begeisterte Zuschauer verfolgen das Happy-End.

  • Günter Eichberg pflegt ein bestimmtes Motto auf Schalke: Nicht kleckern, klotzen. Für den begüterten Präsidenten ist das Beste gerade gut genug. Er hält ein Trainingslager in Miami ab, fährt stets mit Chauffeur zur Arbeit auf Schalke vor, bucht bei Auswärtsspielen luxuriöse Hotelsuiten, zahlt wahnwitzige Prämien. Außerdem verteilt er hochdotierte Verträge. Einen an Günter Netzer (rechts), der hauptsächlich als „Telefon-Manager“ fungiert und meist aus der Ferne Tipps für Spielereinkäufe und Spielstrategien gibt.

    Eines bringen die massigen Geldausgaben dem „Sonnenkönig“, wie er auf Schalke heißt, gewiss ein: jede Menge Schlagzeilen. Nach dem Konkurs seiner Kliniken dankt Eichberg im Oktober 1993 auf Schalke ab und hinterlässt dem Verein eine Geldstrafe über 500.000 Mark wegen mehrerer Verstöße gegen die Lizenzauflagen.

  • Als Schalke am Ende der Saison 1987/1988 zum dritten Mal in Liga Zwei absteigt, dauert es drei lange Spielzeiten, bis sich die Knappen zurück ins Oberhaus kämpfen. In die letzte Zweiliga-Saison starten die Knappen mit sieben Siegen und einem Remis und sichern sich damit vorerst den ersten Tabellenplatz. Zur Winterpause rangieren sie nach einigen Niederlagen immer noch auf Platz zwei.

    Grund für Günter Eichberg, Peter Neururer zu entlassen und Aleksandr Ristic als Trainer zu holen. Die Rückkehr auf die Erfolgsspur gelingt. Am 2. Juni 1991 nach dem 2:1 gegen Fortuna Köln ist es amtlich: Schalke steigt auf. Das letzte Pflichtspiel der Saison am 16. Juni 1991 gegen Darmstadt wird für Ingo Anderbrügge, hier am Ball, und seine Mitspieler zum Festtag.

  • Der 16. Juni 1991 ist ein Freudentag auf Schalke, denn der Aufstieg in die Erste Bundesliga ist bereits perfekt: Mehr als 70.000 Zuschauer verfolgen das letzte Pflichtspiel der Saison im Parkstadion, das Schalke gegen den SV Darmstadt 98 mit 1:0 gewinnt.

    Nach dem Schlusspfiff gibt es für die Fans kein Halten mehr. Sie stürmen den Platz und verabschieden die Mannschaft am Marathontor jubelnd in die Kabine. Dietmar Schacht winkt von der Rolltreppe den begeisterten Anhängern zu.

  • Der 16. Juni 1991 ist nicht nur der Tag des Schalker Wiederaufstiegs in die Erste Bundesliga. Es ist ein historischer Tag für Königsblau. Schon während der Halbzeitpause wird den Fans mitgeteilt, dass nach dem Spiel eine Überraschung auf sie warte. Das kann aus Sicht der Anhänger nur eins bedeuten: Die Rückkehr von Olaf Thon. Nach dem Schlusspfiff singt die Nordkurve im Chor: Olaf Thon! Olaf Thon! Olaf Thon! Die Zeichen verdichten sich: Schalkes Präsident greift zum Mikrofon und verkündet „ein Ereignis mit großer Bedeutung für die weitere Vereinsgeschichte“.

    Wer dann ins Stadion kommt, hat allerdings keine Ähnlichkeit mit Olaf Thon. Auf den Schultern von Mannschaftsbetreuer Charly Neumann dreht Maulwurf Wühli seine erste Ehrenrunde im Parkstadion – Schalkes erstes Maskottchen. Ein Stück Vereinsgeschichte. So oder so.

  • „Das Spiel wurde entschieden durch die Tore, die nicht fielen“, berichtet der Kicker nach dem Revierderby Dortmund gegen Schalke am 22. August 1992. Es ist ein historischer Tag für Königsblau. Trainer Udo Lattek (rechts) gelingt mit seiner Mannschaft das, worauf die Schalker seit 20 Jahren gewartet hatten: ein Sieg beim BVB. Schalke gewinnt mit 2:0. Ausgerechnet Günter Schlipper, Radmilo Mihajlovic und Bent Christensen – drei Spieler, die seit längerem in der Kritik stehen – versetzen die 10.000 mitgereisten Fans aufgrund ihrer hervorragenden Leistung in Euphorie.

    Nach dem Schlusspfiff liegen sich Präsident Günter Eichberg und der Trainer jubelnd in den Armen. Bereits beim nächsten Heimspiel gegen Gladbach, das Schalke 0:2 verliert, wird S04 zurück auf den Boden der Tatsachen geholt.

  • Seine erste Amtszeit auf Schalke endet dreckig. Rudi Assauer, der 1981 als Manager zu den Knappen kommt, greift im Mai zu rigiden Maßnahmen, um den Abstieg zu verhindern. Er entlässt Trainer Fahrudin Jusufi und setzt sich die letzten drei Spiele selbst auf die Bank, doch der Abstieg ist besiegelt. Das aber ist nicht der Tiefpunkt. Für den sorgt Präsident Dr. Hans-Joachim Fenne 1986. Er stellt hinter Assauers Rücken Rolf Schafstall als Trainer ein – der Bruch ist endgültig.

    Assauer erhält eine zweite Chance. Präsident Günter Eichberg holt ihn im April 1993 erneut als Manager. „Ich wollte den Schalkern zeigen, dass ich damals auf dem richtigen Weg war – und andere die Fehler gemacht haben“, freut sich Rudi Assauer über die Rückkehr. Eichberg geht, Assauer bleibt und schafft im Laufe der kommenden Dekade professionelle Vereinsstrukturen.

  • Fleischfabrikant Bernd Tönnies übernimmt am 7. Februar 1994 nach der Ära Günter Eichberg, die den Verein an den Rand des Ruins gebracht hat, die Führung des Vereins. Sein Ziel ist es, Schalke so erfolgreich wie sein Unternehmen zu führen. Seine Amtszeit dauert lediglich 145 Tage. In dieser Zeit bringt er Ruhe in den Verein, der mit 14,6 Millionen Mark Verbindlichkeiten zu kämpfen hat, indem er Kredite bei Banken vermittelt.

    Nach einer Nierentransplantation am 11. April 1994 verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Präsidenten, am 1. Juli verstirbt Tönnies an Herzversagen.

  • Nach dem Tod von Bernd Tönnies wählen die Mitglieder einen neuen Vorsitzenden. Eine in der Bewerbungsrede populistisch vorgetragene Spitze gegen den BVB genügt, um die Mitglieder zu überzeugen. Doch es gibt Unstimmigkeiten innerhalb des dreiköpfigen Vorstands Hans Kleine-Büning (links), Helmut Kremers, Jürgen Wennekers sowie zwischen dem Vorstand und Rudi Assauer und Peter Peters.

    Im Oktober 1994 eskaliert die Situation. Am 22. Oktober 1994 spricht Jürgen Möllemann als Vorsitzender für den Verwaltungsrat dem Vorstand das Misstrauen aus. Der Vorstand tritt zurück. Der Verwaltungsrat bildet bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung am 5. Dezember 1994 ein Übergangsgremium.

  • Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 5. Dezember 1994 nimmt Schalke 04 eine Satzungsänderung in Angriff. Eine Kommission unter der Leitung von Geschäftsführer Peter Peters macht sich im Vorfeld daran, die wesentlichen Punkte zusammenzutragen. Man einigt sich darauf, dass die Mitglieder einen Aufsichtsrat wählen, der wiederum den Vorstand bestellt. Weiterhin soll es sechs Aufsichtsräte geben, die turnusmäßig neu gewählt werden. Außerdem wird ein Fan-Vertreter für den Aufsichtsrat vorgeschlagen. Der neuen Satzung stimmen 77 Prozent der Anwesenden zu.

    Demokratische Strukturen halten damit Einzug auf Schalke, der Verein übernimmt in der Bundesliga damit eine Vorreiterrolle. Als erster Vorstand nach der Satzungsänderung amtieren Peter Peters (links), Manager Rudi Assauer (rechts) und Finanzfachmann Josef Schnusenberg (2. v.r.). Gerhard Rehberg (2. v.l.) übernimmt den Vorsitz.