Gazprom
  • 1972-1981: Pokalsieg, Skandal und Abstieg

    Nach dem fulminanten Pokalsieg 1972 steht Königsblau vor dem Abgrund. Der Bundesliga-Skandal erschüttert Schalke, es folgt der erste Abstieg in die Zweite Liga.

  • Gelungener Abschluss der Ära „Glückauf-Kampfbahn“: Am 6. Juni 1973 sichert sich der FC Schalke 04 im letzten Spiel der Saison gegen den Hamburger Sportverein nach einem 2:0-Sieg den Klassenerhalt. Der Vizemeister von 1971/1972 kämpft in der folgenden Spielzeit kontinuierlich gegen den Abstieg.

    Die im Bundesliga-Skandal gesperrten Spieler fehlen den Königsblauen merklich. Bis zum letzten Spieltag kann sich Schalke nicht sicher sein, ob es reichen wird. Entsprechend enthusiastisch fällt der Jubel auf der Trainerbank nach den beiden Toren von Nico Braun und Klaus Beverungen aus, Mannschaftsbetreuer Ede Lichterfeld, Trainer Ivica Horvat (v.l.) sowie Rolf Rüssmann (r.) reißen begeistert die Arme in die Höhe. Es ist die letzte Partie, die die Schalker in der Glückauf-Kampfbahn bestreiten. Und sie können ihr erstes eigenes Stadion in guter Erinnerung behalten.

  • Nach vierjähriger Bauzeit öffnet das Parkstadion im Sommer 1973 seine Tore. Mehr als 70.000 Zuschauer fasst die neue Spielstätte, der größte Teil der Plätze ist nicht überdacht. Ursprünglich hatte der Architekt Horst Klement ein Zeltdach vorgesehen, wie es das Münchner Olympiastadion überspannt. Doch in der bayerischen Landeshauptstadt schießen die Kosten in die Höhe, und die Schalker Vereinsführung streicht kurzerhand die extravagante Dachkonstruktion.

    Am Ende kostet der Neubau 56 Millionen Mark, die sich der Verein, die Stadt Gelsenkirchen, das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund teilen. Den Namen des neuen Stadions sucht Präsident Günter Siebert in einem öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb. Der Vorschlag von Hubert Rosiejak – „Parkstadion“ – erhält den Zuschlag. Mit einem Freundschaftsspiel wird am Abend des 4. August die neue Schalker Spielstätte offiziell eingeweiht.

  • Zur Eröffnung des Parkstadions laden die Schalker einen hochkarätigen Gegner ein: Feyenoord Rotterdam, Gewinner des Europapokals der Landesmeister und des Weltpokals 1971. Satte 580.000 Mark nimmt der S04 an diesem Abend dank der 55.000 Zuschauer ein, und Präsident Günter Siebert sieht finanziell rosige Zeiten anbrechen. Weil beim Vorspiel der Eröffnungsfeier, das die beiden B-Jugend-Teams von Schalke und Köln bestreiten, kein Treffer gefallen ist, freuen sich die Zuschauer nun auf das

    erste Tor. Dieses schießt Rotterdams Stürmer Peter Ressel. Mehr als 1700 Torschützen werden in den kommenden 28 Jahren folgen. Erster Schalker, der ein Tor im Parkstadion schießt, ist Helmut Kremers. Er verwandelt im Spiel gegen die Niederländer einen Elfmeter, kann die 1:2-Niederlage aber nicht verhindern.

  • Ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit rückt das Parkstadion im Sommer 1974: Gelsenkirchen ist einer der Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft. In der Heimstätte der Königsblauen finden zwei Spiele der ersten und drei Spiele der zweiten Finalrunde statt. Am 18. Juni, dem ersten Spieltag in Gelsenkirchen, tritt Zaire (die heutige Demokratische Republik Kongo) gegen Jugoslawien an.

    Das 9:0, das Jugoslawien erzielt, überfordert die Anzeigetafel im Parkstadion, nicht alle Torschützen finden Platz. Auch die Nationalmannschaft von Brasilien tritt im Parkstadion unter den Augen von Pelé, der als Ehrengast auf der Tribüne sitzt, gegen Zaire an. Außerdem zu Gast: die DDR, die Niederlande und Argentinien.

  • Eines der schwärzesten Kapitel der Schalker Vereinsgeschichte: 2300 Mark kassieren die Spieler pro Kopf dafür, dass sie am 17. April 1971 gegen Arminia Bielefeld mit 0:1 verlieren. Neben Schalke manipulieren acht weitere Bundesliga-Vereine ihre Partien. Zunächst bleibt das Schalker Vergehen unentdeckt, aber immer mehr Zeugen belasten die Spieler. Vor Gericht beeiden sie zunächst, dass sie von einer Schiebung nichts gewusst hätten.

    Doch die Beweislast ist erdrückend. Im Herbst 1972 sperrt der DFB Fischer zwei Jahre und entzieht Reinhard Libuda die Profi-Lizenz auf Lebenszeit. Weitere Sperren folgen. Damit nicht genug: Das Essener Landgericht erhebt Anklage wegen Meineids. Am 27. Dezember 1975 legen Klaus Senger, Klaus Fichtel und Hans-Jürgen Wittkamp (v.l.) ein Geständnis ab, dem sich die anderen Spieler anschließen.

  • 1974 hebt der DFB die Sperren wieder auf, die im Bundesliga-Skandal gegen die Schalker verhängt wurden. Allmählich findet die Mannschaft wieder ihren Rhythmus. Am 9. Oktober 1976 läuft sie zur Höchstform auf – und das bei einem Auswärtsspiel beim FC Bayern. Die ersten vier Auswärtsspiele der Saison hatten die Schalker verloren, die Bayern ihre letzten Heimspiele gewonnen.

    Doch an jenem Samstagnachmittag in München passt für Königsblau alles zusammen. Die mitgereisten Fans jubeln allerdings noch verhalten, als Klaus Fischer in der elften Minute den S04 in Führung bringt. Auch nach dem 2:0 in der 44. Minute durch Erwin Kremers scheint noch nichts in trockenen Tüchern. Nach dem Seitenwechsel dann aber die Sensation: Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik und Manfred Dubski erzielen fünf weitere Treffer. Schalke: sieben – Bayern: null.

  • Sie machen zu Zeiten des Parkstadions einiges mit, die königsblauen Fans: 539 Schalker Pflichtspiele, drei Abstiege in die Zweite Liga und ebenso viele Aufstiege. Einen Europapokal- und einen DFB-Pokal-Sieg, eine 04-Minuten-Meisterschaft, ein 5:5 und ein 6:6 gegen Bayern München. Der größte Teil der Anhängerschaft ist Sonne, Wind, Regen und Schnee ausgesetzt.

    38 Mal spielen die Knappen im Parkstadion vor ausverkauftem Haus, manchmal vor gähnend leeren Rängen, wenn „nur“ 13.000 Zuschauer kommen. Der Blick in die Nordkurve der 1970er-Jahre gibt nicht nur Aufschluss über Bekleidungsmoden jener Zeit: Die Fans bilden eine Schalker Familie, Jung und Alt stehen zusammen.

  • Der 7:0-Sieg über die Bayern am 9. Spieltag deutet es bereits an: Am Ende spielen die Königsblauen in der Saison 1976/1977 um den Meistertitel mit. Zur Winterpause redet in Gelsenkirchen aber noch niemand davon. Schalke überwintert auf Platz sechs mit sieben Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach. Sechs Spieltage vor Saisonschluss sind es immer noch fünf Punkte Abstand zu Rang eins, als die Schalker im Schlussspurt noch einmal richtig Gas geben.

    Der letzte Spieltag bringt die Entscheidung: Schalke tritt zu Hause gegen den BVB an, Gladbach bei den Bayern. Die Schalker gewinnen das Derby 4:2, doch die Gladbacher leisten sich keinen Patzer mehr. Das 2:2 beim FCB reicht der Borussia für den Titel. Der Vizemeister heißt FC Schalke 04, es ist die beste Saison seit fünf Jahren.

  • Als Vizemeister spielen die Knappen 1977/1978 im Europapokal. Das erste Spiel gegen den AC Florenz endet 0:0, wird aber 3:0 für Schalke gewertet, da Florenz einen gesperrten Spieler einsetzt. Das Rückspiel gewinnt S04 mit 2:1. Bereits in Runde zwei ist Endstation. Es kommt zum deutsch-deutschen Duell, die Schalker reisen nach Magdeburg. Für die Schalke-Fans in der DDR ist dies ein Fest- und Trauertag zugleich.

    Der Schalker Vereinstross verteilt nach Ankunft Autogrammkarten, Wimpel, Anstecknadeln und Poster an die Magdeburger. Doch die Partie wird für den S04 zum Fiasko. Dem Angriffstrio um Jürgen Sparwasser setzen die Schalker zu wenig entgegen. Der FCM gewinnt mit 4:2. Ähnlich trostlos das Rückspiel, das 1:3 verloren geht. Nur ein Viertel der 70.000 Zuschauer bleibt bis zum Schlusspfiff.

  • Nach dem kurzen Auftritt im Europapokal kehrt in der Saison 1977/1978 wieder Alltag beim FC Schalke 04 ein. Die Knappen beenden die Bundesliga-Saison auf Platz neun. In der folgenden Spielzeit kämpft Königsblau sogar um den Klassenerhalt. Trotz einiger trostloser Spiele – in jeder Saison gibt es zwei Partien, die es in sich haben: die Spiele zwischen Schalke und dem BVB.

    Am 3. November 1979 setzt das königsblaue Vereinsoriginal Charly Neumann für die Fans ein Zeichen. Beim Spitzenreiter Dortmund, der die drittplatzierten Schalker empfängt, hält Charly ein Transparent für die Dortmunder Fans hoch. Es verfehlt seine Wirkung nicht: Die beiden Fan-Lager verfolgen friedlich das Spiel, das die Borussia 2:1 gewinnt.

  • Nicht nur sportlich sind die 1970er-Jahre bewegte Zeiten für den FC Schalke 04. Zwischen 1976 und 1980 regieren auf Schalke vier Präsidenten. Zunächst tritt am 11. November 1976 nach neunjähriger Amtszeit Günter Siebert zurück. Der Bundesliga-Skandal, Provisionen aus den Getränkeverkäufen in der Glückauf-Kampfbahn sowie die Aussicht, dass er nach dem Rücktritt Manager des Vereins wird, bewegen Siebert zu diesem Schritt.

    Der neue Präsident Dr. Karl-Heinz Hütsch verweigert Siebert jedoch den Managerposten. 16 Monate später wählen die Mitglieder Siebert (Bildmitte) wieder. 1979 eine Wiederholung: Siebert soll Manager werden, neuer Präsident wird Dr. Hans-Joachim Fenne. Er zieht jedoch die Kandidatur auf der Mitgliederversammlung 1980 zurück. Fünf Wochen später kehrt er um und lässt sich mit großer Mehrheit wählen.

  • Anlässlich des 75-jährigen Vereinsjubiläums am 4. Mai 1979 präsentieren der Vorsitzende Günter Siebert (rechts) und der Vereins-Senior und ehemalige Spieler Ernst Kuzorra eine Festschrift. Auf dem Titel ein Spieler aus dem damals aktuellen Kader: Klaus Fischer beim Fallrückzieher.

  • Bis in die 1970er-Jahre findet man beim S04 weder Spielernamen noch Sponsoren auf den Trikots. Im Februar 1973 läuft Eintracht Braunschweig als erster deutscher Fußballverein mit einem Sponsor auf. Präsident Günter Siebert verweigert sich zunächst dem Trend. Ab 1976 prangt dann Schalke oder Schalke 04 auf der königsblauen Brust. Die Vereinskasse ist aber bald so leer, dass Siebert einlenkt. Bevor man allerdings Werbegelder kassiert, stellt der Präsident die Trikots karitativen Zwecken zur Verfügung.

    Am 10. März 1979 laufen die Knappen in Bremen für die „Deutsche Krebshilfe“ auf.  Nach der Sommerpause 1979 ist es soweit: Der Bekleidungshersteller Trigema wird erster Trikotsponsor. Als Partner folgen Paddocks, Dual, RH Alurad, Müller-Milch, Kärcher, Veltins, Victoria und schließlich Gazprom.

  • Klaus Fischers Mimik und Gestik sprechen Bände. Der Absturz in die Zweite Liga ist am 9. Mai 1981 nach der 0:6-Niederlage gegen den VfL Bochum besiegelt. In der Spielzeit 1980/1981 passt nichts mehr zusammen. Fischer fällt verletzungsbedingt bis zum Winter aus. Im März brach er sich beim Heimspiel gegen Bayer 05 Uerdingen das Schienbein.

    Außerdem fehlen eine Reihe bekannter Gesichter. Präsident Hans-Jürgen Fenne verfolgt aufgrund finanzieller Engpässe einen Sparkurs. Rüdiger Abramczik wird nach Dortmund verkauft, Helmut Kremers wechselt zu Rot-Weiss Essen, Klaus Fichtel geht zu Werder Bremen. Der eigene Nachwuchs und Trainer Fahrudin Jusufi, der die A- und B-Jugend auf Schalke bislang trainierte, sollen die Profis verstärken. Die Mission scheitert.

  • Am 13. Juni 1981 herrscht Untergangsstimmung im Parkstadion. Es ist das letzte Spiel der Saison 1980/1981, das letzte Spiel in der Erstklassigkeit. Ab der kommenden Spielzeit läuft Schalke in der Zweiten Liga auf. Für die aufgebrachten Fans gibt es kein Halten mehr. Sie stürmen nach dem Spiel gegen den 1. FC Köln, das Schalke mit 1:2 verliert, den Platz und drängen vor das Marathontor.

    Aus Sicht der Fans ist es ein geplanter Abstieg. Ihre Meinung: Der Verein habe zu wenig in neue Spieler investiert. Auch unter den Spielern schwindet im Verlauf der Saison zunehmend die Hoffnung, dass Königsblau den Klassenerhalt noch schafft. Stan Libuda meint: „Da hilft nur noch Beten.“ Und nicht einmal das hilft. Der FC Schalke 04 steigt zum ersten Mal in die Zweite Liga ab.