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  • 1933-1945: Schalke in der NS-Zeit

    Der Verein ist nicht besser und nicht schlechter als die Gesellschaft drum herum. Auch beim FC Schalke 04 werden jüdische Mitglieder ausgegrenzt und entrechtet. Der Verein stellt sich nicht schützend vor sie.

  • Am 23. Juli 1932 wählt die Schalker Mitgliederversammlung den Gelsenkirchener Zahnarzt Dr. Paul Eichengrün zum Zweiten Vorsitzenden. Seine Amtszeit wird jedoch durch die Machtübergabe an die Nationalsozialisten frühzeitig beendet. Durch Einführung des sogenannten Arier-Paragraphen im Westdeutschen Spielverband, der es Juden untersagt, Funktionär in einem Verein zu sein, gibt Eichengrün 1933 seinen Posten auf.

    Dies tut er letztlich freiwillig und (noch) ohne Repressalien, um es für Schalke auf dem Wege zur ersten Deutschen Meisterschaft nicht zu kompliziert zu machen. Die Zeitungen berichten, dass der Club Eichengrün sehr schätzte und er die Königsblauen mit den Worten „Alles für Schalke“ verlässt.

  • Arthur Herz ist Spieler in den Jugendmannschaften des FC Schalke 04. Der Sohn einer jüdischen Metzgerfamilie wird während der von den Nazis zynisch als „Reichskristallnacht“ bezeichneten Pogrome aus dem Fenster des elterlichen Geschäfts geworfen, wobei er sich den Arm bricht. Noch in derselben Nacht wird er festgenommen und wie viele andere jüdische Männer im Gelsenkirchener Gerichtsgefängnis festgehalten. Anschließend muss er Zwangsarbeit im Tiefbau leisten.

    Im Januar 1942 deportieren die Nazis Herz in das Ghetto Riga/Lettland. Er überlebt einen Leidensweg durch weitere Lager. Im KZ Theresienstadt erlebt er 1945 die Befreiung durch die Rote Armee. Zunächst kehrt er nach Gelsenkirchen zurück. Doch die Erinnerungen an das schreckliche Leid, das ihm und seiner Familie widerfuhr, lassen ihn vier Jahre später in die USA auswandern.

  • Am 10. Juli 1934 veröffentlicht das Fachmagazin Kicker als Nachtrag zur Berichterstattung über das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, das Schalke erstmals gewinnt, Pressestimmen polnischer Journalisten. Darin heißt es, dass der neue Deutsche Fußballmeister „in den Händen der Polen“ sei. Der Verein entschließt sich zu einer Stellungnahme, die der Kicker wenige Tage später veröffentlicht. Darin führen der Vereinsvorsitzende Heinrich Tschenscher und Geschäftsführer Heinrich Pieneck den Nachweis an, dass die Spieler des derzeitigen Kaders allesamt in Westfalen geboren seien.

    Zusätzlich listen sie die Herkunft der Eltern der Spieler auf, um nachzuweisen, dass alle in Deutschland geboren und keine polnischen Migranten sind. Mit dem Leserbrief agiert Schalke, wie es der Westdeutsche Spielverband von ihm erwartet. Der WSV führt bereits 1933 den Arier-Paragraphen ein und vertritt damit das rassistische Weltbild des Nationalsozialismus.

  • Von 1933 bis 1942 wird der S04 sechsmal Deutscher Meister und einmal Pokalsieger. Angesichts der Häufung der Titel ausgerechnet in der NS-Zeit drängt sich die Frage auf, ob es möglicherweise einen Zusammenhang gibt. Zum 100-jährigen Vereinsjubiläum beauftragt der Verein beim Institut für Stadtgeschichte die Aufarbeitung seiner Geschichte. Die Studie „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ stellt keine Unregelmäßigkeiten in den Spielen fest.

    Die Schalker sind zu jener Zeit ganz einfach spielerisch-taktisch besonders stark. Gleichwohl werden die Knappen eingebunden und lassen sich einbinden, die nationalsozialistische Symbolik zu verbreiten. Bei den Endspielen führt das Team den sogenannten deutschen Gruß aus, die Stadien sind mit Hakenkreuz-Fahnen beflaggt.

  • Schalke hilft nicht nur, die NS-Symbolik zu verbreiten. Der erfolgreiche Arbeiterverein aus dem Westen eignet sich besonders, um ihn in den Dienst der NS-Propaganda zu stellen. Die gleichgeschaltete Presse vergleicht den Nationalsozialismus immer wieder mit den Erfolgen des Schalker Teams, das „aus der Tiefe des Volkstums emporsteigt und von einer Gemeinde und einer großen Gemeinschaft getragen wird“, heißt es im „Buch vom Deutschen Fußballmeister“ aus dem Jahr 1936.

    Die Schalker werden oftmals als typische nationalsozialistische Sportler dargestellt. Darüber hinaus nutzen nationalsozialistische Politiker den Ruhm der prominenten und populären Schalker, um ihre eigene Beliebtheit zu steigern. Neben dem Bürgermeister, der sich immer wieder mit den Sportlern zeigt, lässt sich auch Adolf Hitler mit ihnen ablichten – und sie sich mit ihm.

  • Es sind jedes Mal Tausende Fans, die den frischgebackenen Deutschen Fußballmeister in Gelsenkirchen am Bahnhof in Empfang nehmen. Die Nazis wissen um die Popularität der Schalker: Kilometerweit säumen Hakenkreuzfahnen die Straße. Teilweise nutzen einige Schalker aber auch ihrerseits ihre Bekanntheit und setzen sich namentlich für das nationalsozialistische Regime ein.

    In der lokalen Presse findet sich am 19. August 1934 zur „Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt“ ein Aufruf, den Ernst Kuzorra und Fritz Szepan unterschreiben. Als Kapitän der Nationalmannschaft ruft Szepan 1936 und zusammen mit Kuzorra 1938 in der Presse zur Reichstagswahl für Hitler auf. Bei Veranstaltungen der NSDAP treten die beiden immer wieder als prominente Gäste auf. Die Schalker sind nicht ganz unbeteiligt, und unterscheiden sich damit nicht vom Rest der Gesellschaft.

  • Beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1939 müssen die Spieler öffentlich zur Schau tragen, dass sie zum Militärdienst einberufen sind. Otto Schweisfurth (links) und Walter Berg tragen Trikots mit einem großen Reichsadler samt Hakenkreuz auf der Brust. Die Nationalsozialisten demonstrieren im Rahmen der Volksgemeinschaftsideologie, dass auch die Fußballidole einberufen werden.

    Prof. Dr. Stefan Goch vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen stellt jedoch fest, dass die Schalker zumindest noch in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs in der Regel in privilegierter, geschützter oder heimatnaher Position stationiert werden, um die Fußballwettbewerbe fortsetzen zu können.

  • Fritz Szepan (stehend, 4. von rechts) und Ernst Kuzorra (hockend, Mitte) als Feldwebel in Militäruniform. Die beiden Schwager leisten in Essen-Kray bei einer Flakeinheit für Katastropheneinsätze ihren Wehrdienst und sind ein Beispiel für die vereinsnahe Stationierung der Schalker.

    Dass die beiden Knappen vom direkten Kriegseinsatz verschont bleiben, hängt mutmaßlich mit ihrem relativ hohen Alter und ihren vielen Sportverletzungen zusammen, nach denen sie im Sinn militärischer Musterungen nicht mehr voll einsatzfähig sind. Auf Gesuch der Vereinsführung wird ihnen die Teilnahme an den Spielen um die Deutsche Meisterschaft gewährt.

  • Nicht alle Schalker kommen mit dem Leben davon. Meisterspieler Walter Berg stirbt in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Jachymov in der damaligen Tschechoslowakai, angeblich nach einem Fluchtversuch. Schalkes Linksaußen und Unteroffizier Ala Urban, dienstliche Erkennungsmarke 77-1/Ers.Btl.I.R.18, kommt nach einer schweren Verwundung auf dem Hauptverbandsplatz in Staraja Russa am Ilmensee bei Leningrad in der damaligen Sowjetunion ums Leben.

    Bis zum Jahr 2004 sind Urbans sterbliche Überreste auf dem Ehrenfriedhof in Alexino/Russland begraben. Später erfolgt zunächst die Umbettung auf den deutschen Soldatenfriedhof in Korpowo/Russland. Seit 2013 befinden sich seine sterblichen Überreste wieder in Gelsenkirchen. Urbans letzte Ruhestätte ist nun das Schalker Fan-Feld.

  • Symbolisches Kräftemessen in Paris, das von der Wehrmacht besetzt ist: Die Knappen reisen im Oktober 1941 zu einem Freundschaftsspiel gegen die Pariser Soldatenelf. Das Spiel wird zur „moralischen Erbauung“ der in Frankreich stationierten deutschen Soldaten ausgetragen. Vergleichbare Partien bestreiten die Schalker in Brüssel und Warschau.

    Die Berichterstattung im „Heimatbrief aus dem Kreis Emscher-Lippe“ über die Begegnung lässt die Einbindung der Königsblauen in die NS-Propaganda deutlich werden: „Der Jubel, der die Schalker in Paris, Brüssel und Warschau umfing, hat ihnen gezeigt, wie innerlich verbunden sich gerade unsere Feldgrauen mit der Mannschaft aus dem Lande der Kohle und des Eisens fühlen, die aus den kleinsten Anfängen heraus sich zu der stolzen Höhe emporgearbeitet hat, die der FC Schalke 04 heute im deutschen Sportleben einnimmt.“

  • Am 6. November 1944 zerstört ein Bombenangriff der Alliierten auf Gelsenkirchen einen Großteil des Stadtteils Schalke. Der Schalker Markt liegt anderntags in Schutt und Asche, die Glückauf-Kampfbahn ist unbespielbar. Ein Teil der Tribüne ist zerstört und das darin untergebrachte Vereinsarchiv vernichtet.

    Zwölf Tage nach der Zerstörung der Stadt erfahren die Leser des „Westfälischen Beobachters“, dass in Westdeutschland der Fußballbetrieb derzeit „aus besonderen Gründen etwas eingeschränkt“ sei. In Westfalen sollen die Vereine deshalb neu eingeteilt werden.

    Die Teams Gelsenkirchens und Umgebung sollen in einer Staffel antreten, in der anderen die Clubs aus Dortmund und den Nachbarorten. De facto bestreitet der S04 sein letztes Ligaduell im Oktober 1944. Der Spielbetrieb wird erst wieder im März 1946 aufgenommen.

  • Manche Schalker lassen sich von den Nationalsozialisten für ihre Erfolge feiern und bereitwillig in die NS-Propaganda einbinden. Einzelne profitieren unmittelbar von den Unrechtsmaßnahmen gegen jüdische Mitbürger. Im Rahmen der Enteignung jüdischen Eigentums übernimmt Meisterspieler Fritz Szepan zu einem günstigen Preis das Textilgeschäft Rode & Co. am Schalker Markt 9. Es gehörte ursprünglich Sally Meyer und Julie Lichtmann.

    An der konkreten Abwicklung ist Henriette Thiemeyer, die Vereinswirtin beteiligt, die das Ladenlokal neben der Gaststätte an Meyer und Lichtmann vermietet hatte und den Mietvertrag kündigt. Es gibt kaum Gründe zu vermuten, dass Szepan diese Zusammenhänge nicht bekannt waren. Julie Lichtmann und Sally Meyer werden 1942 nach Riga deportiert und ermordet.