Gazprom
  • 1933-1945: Sechsmal Meister

    Der Kreisel ist das Schalker Erfolgsrezept der 1930er- und 1940er-Jahre. In dieser Zeit erreichen die Knappen neun Endspiele um die Deutsche Meisterschaft. Königsblaue Spitzenklasse.

  • „Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenns daneben ginge.“ Schalkes Präsident Fritz Unkel ist sich sicher: Die erste Deutsche Meisterschaft ist 1934 endlich möglich. Ein Jahr zuvor unterlagen die Knappen noch Hannover. Aber diesmal reist die Mannschaft um Ernst Kuzorra und Fritz Szepan voller Zuversicht nach Berlin.

    Am 24. Juni im Poststadion gegen den 1. FC Nürnberg geraten die Königsblauen aber erst einmal mit 0:1 in Rückstand. Vehement stürmt nur noch Schalke, Nürnberg dagegen steht ganz tief. Dann die 88. Minute: Szepan köpft ein zum Ausgleich. Wenige Sekunden später trifft Kuzorra, der trotz eines bandagierten Leistenbruch aufläuft. 2:1 –  der erste Titel für den S04.

  • Als die Schalker die Viktoria-Trophäe nach Gelsenkirchen bringen, steht die Stadt Kopf. Die Torschützen Ernst Kuzorra und Fritz Szepan werden auf den Schultern getragen, die Straßen sind voll, am Abend startet ein Fackelzug. Aber auch in Berlin selbst unterstützten die königsblauen Anhänger ihre Mannschaft.

    Und weil Zugfahrten nicht für jeden erschwinglich sind, machen sich einige Fans Anfang der Woche sogar schon mit dem Fahrrad auf den Weg in die circa 500 Kilometer entfernte Reichshauptstadt. Dort können sie die Meisterschaft hautnah miterleben. Ein Aufwand also, der sich gelohnt hat. Übrigens: Auf der Rückreise machen die Spieler kurz Halt in Dortmund und tragen sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Andere Zeiten eben …

  • Nicht nur auf dem Platz, sondern auch auf Liegestühlen machen die Schalker 1934 eine gute Figur. 14 Tage ausspannen im sauerländischen Freienohl: Vom 1. bis zum 15. August begeben sich die Knappen auf Mannschaftsurlaub – und den haben sie sich nach dem Titelgewinn samt umfangreicher Feierlichkeiten im Juni auch redlich verdient. Ausgeruht geht's in die nächste Saison. Und in eine titelreiche Ära.

  • 1935 sind die Schalker die Gejagten. Allerdings fehlt mit Fritz Szepan eine der Säulen des königsblauen Spiels verletzungsbedingt für ein halbes Jahr. Auch sein kongenialer Partner Ernst Kuzorra muss zwischenzeitlich pausieren. Tatsächlich wird auch der Abstand zu den Gegnern in der Gauliga kleiner. Deutscher Meister werden sie aber trotzdem.

    Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem ersten Triumph besiegen die Knappen am 23. Juni den VfB Stuttgart in Köln mit 6:4. Doch die Ansprüche sind offenbar gestiegen: „Kein Ruhmesblatt“, heißt es in die Medien, bei der Überlegenheit müssten doch ein 7:0 und keine vier Gegentore herausspringen! Kuzorra antwortet gelassen: „Nichts für ungut, wir sind nicht beleidigt, denn kein Mensch hat uns das Verdienst unseres Sieges abgesprochen.“

  • Nachdem die Knappen im Sommer 1935 ihre zweite Deutsche Meisterschaft gewannen, können sie am 8. Dezember in Düsseldorf im Finale um den Tschammer-Pokal, den Vorläufer des DFB-Pokals, ein erfolgreiches Jahr krönen. Gegner ist der 1. FC Nürnberg.

    Für Ruhrgebietskind und S04-Mittelstürmer Ernst Poertgen, der in dieser Szene aussichtsreich zum Abschluss kommt, war es ein Wiedersehen mit seinem alten Club: Während der Saison 1933/1934 verließ er vor lauter Heimweh Nürnberg. „Ich schloss mich dem FC Schalke 04 an, der mein Schwarm war“, sagte er damals. Im Pokalfinale 1935 kann aber auch Poertgen nichts ausrichten – die Mittelfranken siegen mit 2:0 und revanchieren sich damit für die Endspielniederlage um die Deutsche Meisterschaft 1934.

  • Ernst Kuzorra trägt den Siegerkranz für Schalke nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1937 in Berlin. Es sollte nicht die letzte Ehrung sein für die Königsblauen, denn dieses Jahr geht als das erfolgreichste in die Vereinsgeschichte ein. Neben der Meisterschaft holen die Königsblauen den Tschammer-Pokal – es ist das erste Double des deutschen Fußballs.

    Kein Titel, aber ein gewaltiger Gewinn an Renommee ist zudem der Sieg im Freundschaftsspiel gegen das englische Team Brentford FC. Die Profis von der Insel sind den deutschen Amateuren in Sachen Trainingsumfang zu dieser Zeit weit voraus. Doch Schalke siegt mit 6:2. Eine Sensation, die über die Reichsgrenzen hinaus Anerkennung findet.

  • Adolf Urban dreht jubelnd ab. Zwar hat er diesen Treffer nicht selbst erzielt, sondern sein Mannschaftskollege Ernst Poertgen. Aber es ist das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft und dieses Tor leitet am 20. Juni 1937 den 2:0-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg ein.

    Souveräner als Schalke in dieser Saison kann man den Titel kaum gewinnen: Mit 35:1 Punkten beenden die Knappen die Gauliga. Auch in der Endrunde verlieren sie nicht. Als sie dann im Finale mit Nürnberg den ärgsten Rivalen dieser Jahre bezwingen, schauen 101.000 Zuschauer auf den Rängen des Berliner Olympiastadions zu – eine Rekordkulisse. Sie passt zu diesem königsblauen Jahr.

  • 1935 wurde der „Tschammer-Pokal“ – der nach dem Reichssportführer benannte Vorläufer des DFB-Pokals – eingeführt. Zweimal scheiterte der S04 im Finale. 1937 klappt es endlich mit dem Titelgewinn. Genau genommen holte Schalke den Pokal aber gar nicht 1937: Denn das neue Jahr ist bereits etwas mehr als eine Woche alt, als die Königsblauen am 9. Januar 1938 Fortuna Düsseldorf im Müngersdorfer Stadion in Köln mit 2:1 besiegen. Doch im Fußballkalender rechnet man nun mal nach Spielzeiten.

    Und so rundet dieser Sieg das Meisterschaftsjahr bravourös ab. Das Double ist kein Erfolg für die Ewigkeit, aber immerhin für die nächsten 32 Jahre. Erst 1969 gelingt Bayern München dieser Coup – mit einem 2:1-Sieg im Finale gegen Schalke.

  • Die Knappen jubeln und jubeln und jubeln. Es ist das beeindruckendste Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, das die Schalker je hinlegen. 9:0 heißt es nach dem Abpfiff am 18. Juni 1939 im Berliner Olympiastadion. Der Finalgegner heißt Admira Wien, denn seit dem „Anschluss der Ostmark“ gehört Österreich zum „Großdeutschen Reich“.

    Ob es an der angeblichen Überheblichkeit der Wiener liegt, dem Ausfall zweier Stammspieler von Admira, Ernst Kuzorras taktischer Rotation oder aber einfach nur an einem Schalker Kreisel auf Hochtouren – nach diesem Schalker Triumph kann Wiens Halbstürmer Willi Hahnemann in Richtung der Sieger nur resigniert feststellen: „Ihr hobts uns ruiniert!“

  • Am 21. Juli 1940 können die Königsblauen wieder im Berliner Olympiastadion feiern. Mit einem 1:0 gegen den Dresdner SC besiegelt die Mannschaft um Trainer Otto Faist die inzwischen fünfte Deutsche Meisterschaft für den FC Schalke 04. Zugleich spricht man in Deutschland auch von der ersten „Kriegsmeisterschaft“, da seit September 1939 der Zweite Weltkrieg in Europa tobt.

    Am 20. Oktober schreiben die Schalker zudem ein damals noch nicht ganz so sehr beachtetes, aus heutiger Sicht allerdings sehr brisantes Kapitel der Vereinsgeschichte: Borussia Dortmund, der damals eher unscheinbare Reviernachbar, verliert gegen den S04 sage und schreibe mit 0:10. Ernst Kuzorra netzt viermal ein. Es ist bis heute der höchste Derbysieg.

  • Kommt es einem nur so vor oder schauen die elf Schalker schon vor dem Anpfiff im Finale des Tschammer-Pokals 1941 etwas verkniffen drein? Es ist der 2. November, und die Knappen verlieren gegen den Dresdner SC mit 1:2. Am 22. Juni gibt es bereits den ersten herben Rückschlag für die zuletzt so dominante Mannschaft.

    Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Rapid Wien führt Schalke bereits mit 3:0, als die Österreicher zurückkommen und das Spiel tatsächlich drehen. 3:4 heißt es am Ende. Verschwörungstheorien machen die Runde, weil drei Tore nach Elfmeter- und Freistoßentscheidungen fallen: Haben die Nazis dieses Ergebnis gewollt, um die Österreicher als neuen Teil des Reichs zu stärken? Es gibt aber auch eine sportliche Erklärung: die schlechte Schalker Chancenverwertung.

  • Die 1930er- und beginnenden 1940er-Jahre sind Schalkes große Zeit. Gleichzeitig erlebt die Filmindustrie eine Phase der technischen Innovation. Beides wissen die herrschenden Nationalsozialisten propagandistisch für sich zu nutzen. Im 1942 uraufgeführten Film „Das große Spiel“ wird die Geschichte des aufstrebenden Clubs Gloria 03 erzählt.

    Als Vorbild für dieses Team gilt damals der FC Schalke 04. Und mit Hermann Eppenhoff, Otto Tibulsky und Rudolf Gellesch spielen drei echte Schalker sogar in Nebenrollen mit. Lange Zeit geht man davon aus, dass noch mehr Schalke in diesem Film steckt. Die Spielszenen sollen aus dem Meisterschafts-Endspiel 1942 zwischen Vienna Wien und den Königsblauen stammen. Doch das ist inzwischen widerlegt.

  • 95.000 Zuschauer sehen am 5. Juli 1942 im Olympiastadion von Berlin den sechsten Schalker Triumph in einem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. 2:0 besiegt die Elf aus dem Ruhrgebiet Vienna Wien. Durch diesen Sieg ziehen die Knappen mit dem Rekordtitelträger und Erzrivalen dieser Jahre, dem 1. FC Nürnberg gleich.

    Der Spielmodus wird wegen der Gefechte nun zunehmend vereinfacht. Aber auch personell hinterlässt der Zweite Weltkrieg Spuren: Seit der Niederlage von Stalingrad wird auch der Kader durch Einberufungen immer kleiner. Einberufene Spieler treten nun sogar als sogenannte „Gastspieler“ für die Clubs ihrer Stationierungsorte an.

  • Wieder mal gastiert der FC Schalke 04 in Berlin. Wieder mal in einem Endspiel. Es geht am 15. November in der verschneiten Reichshauptstadt um den Tschammer-Pokal 1942. Der Nationalsozialismus hat längst auch auf den Trikots Spuren hinterlassen, wie man am Hakenkreuz unterm Reichsadler erkennen kann. Die Knappen verlieren mit 0:2 gegen den TSV 1860 München.

    Überhaupt ist Schalkes ganz große Zeit offenbar vorbei. Die nächste nationale Meisterschaft sichern sich die Königsblauen erst wieder 1958, den Pokal sogar erst 1972. In den letzten Jahren des sogenannten Dritten Reiches wird der Dresdner SC zur dominanten Mannschaft in Deutschland.

  • Entspannung vor dem Spiel ist auch für Schalker wichtig. Und was die Presse vor dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1938 so schreibt, ist ja auch nicht uninteressant, finden Ernst Kuzorra (links) und Fritz Szepan. In den 1930er-Jahren dürften die Königsblauen wohl gerne in die Zeitung schauen:

    Ausgeruht und seit August 1933 angeleitet von Trainer Hans „Bumbas“ Schmidt, kreiselt sich der S04 nach der ersten Finalteilnahme und -niederlage um die Deutsche Meisterschaft 1933 zu sieben Endspielen in fünf Jahren. Dreimal holt Schalke die Deutsche Meisterschaft, einmal den Pokal. 1939, mit Otto Faist an der Seitenlinie, stellt sich der Club zudem noch Meisterschaftstrophäe Nummer vier in die Vitrine. Es sind dies die großen Jahre der Vereinsgeschichte.