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  • 1929-1933: Sperre

    Als der FC Schalke 04 sein erstes Spiel nach der Sperre aufgrund von Verstößen gegen das Amateur-Statut bestreitet, gibt es für die Fans kein Halten mehr. Dichtgedrängt verfolgen sie 1931 die Partie gegen Fortuna Düsseldorf.

  • Der Knoten ist geplatzt: Seit dem ersten Gewinn der Westdeutschen Meisterschaft in der Saison 1928/1929 verteidigt der FC Schalke 04 nun fast jährlich den Titel. Am 9. März 1930 tritt die Mannschaft unter der Spielführung von Ernst Kuzorra (Bildmitte) gegen Hüsten 09 auf neutralem Boden – wie für die Spiele um die „Westdeutsche“ üblich – an der Löchterheide in Gelsenkirchen an. Schalke gewinnt souverän mit 4:1.

    Auch im Kampf um die Deutsche Meisterschaft kommt Königsblau weiter voran: In der Saison 1928/1929 und der darauffolgenden Spielzeit erreichen die Knappen jeweils das Viertelfinale. In der Saison 1931/1932 schaffen sie es sogar bis ins Halbfinale um die Meisterschaft, bevor sie an Eintracht Frankfurt scheitern.

  • Der Erfolg der Knappen hat eine Kehrseite: Am 28. August 1930 begeht der Schalker Finanzobmann Willi Nier Selbstmord. Hintergrund ist ein Verstoß gegen das Amateurstatut, das zur damaligen Zeit im Fußball noch gilt. Es beinhaltet, dass die Spieler ohne Honorar auflaufen. Weit verbreitete Praxis bei vielen Fußballvereinen ist jedoch, dass man den Fußballern Spesen, Handgelder und exklusive Hotelübernachtungen zahlt.

    Am 25. August 1930 verurteilt die Spruchkammer des Westdeutschen Spielverbandes den S04. Die komplette erste Mannschaft wird lebenslänglich gesperrt. Der Schaden für den Club ist der größtmögliche, doch Nier persönlich hat sich nicht strafbar gemacht, zumal der Verein die Kassenbücher nie fälschte oder verschlossen hielt. Dennoch fühlt Nier sich wohl am meisten schuldig. Sein Sarg wird in der Glückauf-Kampfbahn aufgebahrt. 6000 Menschen nehmen Abschied.

  • Die im August 1930 lebenslänglich gesperrte Mannschaft: Emil Rothardt, Heinrich Simon, Ötte Tibulsky, Ferdinand Zajons, Walter Badorek, Alfred Jaczek, Fritz Szepan, Valentin, Ernst Kuzorra und August Sobotka (von links).

    Der Grund für die Verurteilung: Die Fußballer kassierten Handgelder, statt der erlaubten fünf manchmal bis zu 20 Mark. An ihre Stelle tritt im Ligabetrieb eine Mannschaft, die aus Altherren und Nachwuchskräften besteht. Trotz geringer Spielerfahrung gelingt ihr in der Saison 1930/1931 der Klassenerhalt.

  • Es ist ein Freudentag: Am 1. Juni 1931 tritt der FC Schalke 04 nach neunmonatiger Sperre der Ersten Mannschaft erstmals wieder zu einem Fußballspiel an. Zu Zehntausenden pilgern die Fans in die Glückauf-Kampfbahn, um das Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf live zu erleben.

    „Wie eine Lawine ergießt sich die Menschenmasse durch die lange Straße. An den Trittbrettern der Straßenbahn hängen die Menschen wie Trauben“, schreibt Augenzeuge Theodor Krein, Autor des Buches „Die Fußballknappen“. Dass bei dem Ansturm vor den Toren des Stadions niemand zu Schaden kommt, grenzt an ein Wunder. Die Besucher zahlen für den Stehplatz 70 Pfennig, zwei Reichsmark für den Tribünenplatz. Ein Großaufgebot der Polizei hilft bei der Organisation.

  • Vor einer gigantischen Zuschauerkulisse – manche Zeitungen berichten von mehr als 70.000 Besuchern – tritt Schalke nach der Sperre in der Glückauf-Kampfbahn am 1. Juni 1931, einem Montag, zu einem Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf an. Allerdings kann nur ein Teil der Zuschauer überhaupt etwas vom Spiel sehen.

    Ein Anhänger klettert auf einen der Fahnenmaste und kommentiert für die Untenstehenden das Spiel. Das Großereignis hat seinen Preis und hinterlässt Spuren: Die Buersche Zeitung schätzt den entstandenen Sachschaden auf circa 4000 Reichsmark. Zu Schaden kommen Tore, Zäune und umstehende Anpflanzungen.

  • Nicht alle Fans haben bei der Rückkehr ihres Lieblingsvereins im Sommer 1931 schlechte Sicht auf das Spielfeld. Es gibt sogar einige Logenplätze: zum Beispiel auf dem Tornetz von Schalkes Schlussmann August Mellage. Neun Kinder erklimmen das königsblaue Gehäuse. Einen Ball in ihrem Tor müssen sie glücklicherweise nicht miterleben. Es ist ein schnelles, faires Spiel gegen die Düsseldorfer, die Schalker haben offensichtlich das Fußballspielen während ihrer Sperre nicht verlernt.

    Allein der Kombinationsfluss lasse noch zu wünschen übrig, berichtet anderntags die Presse und schiebt dies auf die Tatsache, dass die Mannschaft lange nicht mehr zusammen gespielt habe. Hans Tibulsky schießt nach der Pause den Ball unhaltbar ins rechte Eck und sichert dem S04 somit den Sieg.

  • Die Begnadigung der Schalker Fußballer nach ihrer Sperre gilt nicht nur für die Liga. Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Hennes Tibulsky werden auch wieder in die Nationalmannschaft berufen. Am 27. September 1931 haben die drei Schalker ihren nächsten Länderspieleinsatz gegen Dänemark in Hannover.

    Es ist das einzige Mal, dass die drei Königsblauen gemeinsam für Deutschland antreten. Szepan absolviert in seiner Karriere 34 Länderspieleinsätze und rangiert damit auf Platz drei der Rangliste „Schalker in der deutschen Nationalmannschaft“. Kuzorra kommt auf zwölf, Hans Tibulsky nur auf jenes eine Spiel gegen Dänemark.

  • In der folgenden Spielzeit nach der Sperre nimmt Schalke den Titelkampf wieder auf. In der Ruhrbezirksmeisterschaft erreicht der S04 Platz eins. Danach geht es weiter um die „Westdeutsche“.

    Die gestochen scharfe Aufnahme einer Spielszene stammt aus der Halbfinalbegegnung gegen den Meidericher SV am 24. April 1932. Der Mannschaftskapitän Ernst Kuzorra schraubt sich zum Kopfball hoch, links beobachtet der Schalker Hermann Nattkämper das Spielgeschehen. Die Knappen ziehen mit einem 5:1-Sieg souverän ins Finale um die Westdeutsche Meisterschaft ein. Am Ende heißt es erneut: Königsblau ist Westdeutscher Fußballmeister.

  • Am 15. August 1933 bekommt Schalke einen neuen Trainer: Hans „Bumbas“ Schmidt. Bislang kamen und gingen die Trainer in eher kurzen Abständen: Gustav Wieser 1928-1929, Kurt Otto 1929-1930, August Sobotka 1930-1931, Hans Sauerwein 1931-1932, Kurt Otto 1932-1933. Der Neue aber bleibt. Sein letztes Training wird er erst fünf Jahre nach Amtsantritt leiten.

    Schmidt beginnt seine Fußballerlaufbahn bei der SpVgg Fürth, wo der 20-Jährige 1914 Deutscher Meister wird. Später wechselt er zum 1. FC Nürnberg, wo er drei weitere Meistertitel gewinnt. Anfang der 1930er-Jahre trainiert Schmidt Schwarz-Weiß Essen und wechselt dann zu Schalke. Sein Erfolgsrezept: Kondition, Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein. Er führt Königsblau in sieben Endspiele um die Deutsche Meisterschaft, dreimal werden die Knappen Meister, einmal Deutscher Pokalsieger. Das „fränkische Raubein mit Herz“ passt zu Schalke.

  • Die Knappen schnüren die Fußballschuhe für das Training in der Glückauf-Kampfbahn. Trainer Hans „Bumbas“ Schmidt lehnt lässig an einer Mauer. Im Training geht es jedoch alles andere als lässig zu. Trainer Schmidt ist kompromisslos und fordert alles oder nichts. Er setzt die erfolgreiche Arbeit seines Vorgängers fort. Auch Schmidt lässt im WM-System spielen und setzt auf einen defensiven Mittelläufer zwischen den Verteidigern.

    Er betraut Fritz Szepan mit dieser Rolle. Den Rechtsfuß Ala Urban setzt er als Linksaußen ein. Wenige Monate später gilt Urban als bester Mann Deutschlands auf dieser Position. Außerdem baut Schmidt auf Ernst Poertgen und Ernst Kalwitzki – mit Erfolg: 1934 sind die Knappen auf dem Weg zur ersten Deutschen Meisterschaft.

  • Der Schalker Kreisel gilt in den 1930er-Jahren als die vollendete Fußballtechnik. Hans Bornemann erinnert sich: „In direktem Flachpaßspiel lief der Ball von Mann zu Mann. Es stand nicht immer einer frei, sondern wir huldigten dem Grundsatz, daß, wenn ein Spieler im Ballbesitz war, sich mindestens drei Mann freilaufen müßten, damit der Ballführende auch Gelegenheit zum Abspiel hätte.

    Nicht der, der in Ballbesitz war, bestimmte das Spiel, sondern die, die freigelaufen waren, zwangen den Ballführenden zum Abspiel.“ Das sind auch die Grundlagen des modernen Fußballs. Schalke beherrscht die Technik überragend und sichert sich in den 1930er-/1940er-Jahren sechs nationale Titel.

  • Das Fotomotiv stammt aus dem Album des ersten Platzwarts der Glückauf-Kampfbahn, Konrad Polt. Fünf junge Männer, unter ihnen Polt links außen, schneiden zu Beginn der 1930er Jahre die Graslänge im Stadion auf Spiel- und Trainingsniveau. Die genaue Millimeterzahl lässt sich bei den handbetriebenen Rasenmähern wohl noch nicht einstellen.

    Es ist Schwerstarbeit, das gesamte Spielfeld in Handarbeit zu mähen. Doch die Anstrengung lohnt sich: Im Vergleich zu manch anderem Acker, auf dem die Knappen bei Auswärtsspielen kicken müssen, ist das Grün auf Schalke zum damaligen Zeitpunkt der reinste Teppich.